https://www.faz.net/-gwz-rygd

Biokraftstoffe : Abfall für Alle

  • -Aktualisiert am

Diesel oder Benzin aus der Tonne bleiben ein Traum - Biogas ist aber machbar Bild: Marcus Kaufhold

Wir wollen das Klima schützen und trotzdem Auto fahren. Also müssen Biokraftstoffe her. Doch Rapsdiesel und Zuckerethanol haben ihre Probleme. Liegt die Lösung in synthetischem Sprit aus Holz und Heu?

          Der Verkehr hat ein Imageproblem. Obwohl er in der Europäischen Union zurzeit nur rund 20 Prozent der Treibhausgase verursacht, erscheint er in der öffentlichen Diskussion mitunter als Hauptwurzel des Klimawandels. Dagegen sollen nun Biokraftstoffe helfen. Bis 2010 soll ihr Anteil in der EU auf 5,75 Prozent steigen, bis 2020 auf zehn Prozent. Die Autoindustrie schwenkt auf diesen Pfad ein: So verkündete Saab diese Woche, im März den ersten Serienmotor vorzustellen, der mit reinem Bioethanol läuft.

          Bioethanol zählt wie Biodiesel und Pflanzenöl zu den heute verbreiteten Biokraftstoffen der ersten Generation. Die sorgen aber nicht mehr nur für Euphorie, sondern auch für Bestürzung. Denn es gibt starke soziale und ökologische Nebenwirkungen: Die steigenden Preise für Mais, Palmöl und Co. treiben die Kosten für Lebensmittel in die Höhe. Außerdem schädigt der großflächige Anbau von Energiepflanzen durch das Freisetzen von Kohlenstoff aus den Böden, den Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln sowie die Verringerung der Artenvielfalt die Umwelt.

          Biomasse zu Treibstoff

          Die kritischen Stimmen werden lauter: Ende Januar starteten die Grünen im Europäischen Parlament eine Kampagne gegen „Umwelt- und Ernährungsrisiken durch den Pflanzentreibstoff-Boom“. Und in der vergangenen Woche warnten brasilianische Umweltschützer vor der Gefährdung wertvoller Ökosysteme durch den ungeregelten Anbau von Zuckerrohr zur Ethanol-Produktion.

          Als mögliche Lösung dieser Probleme werden Biokraftstoffe der zweiten Generation gehandelt. Es gibt sie zwar noch nicht, doch rund um den Erdball wird längst an Konzepten geforscht, wie sich Biomasse effektiver zu Treibstoff verarbeiten lässt. Und die Vorschusslorbeeren sind hoch: „Sie besitzen größere Potentiale zur Reduzierung von Kohlendioxid und weisen höhere Erträge auf. Die Marktreife dieser Technologien muss forciert werden“, fordert der WWF.

          Dietmar Kemnitz, Biokraftstoff-Experte der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR), einer Organisation des Bundeslandwirtschaftsministeriums, ist ähnlicher Ansicht: „Damit lassen sich höhere Kraftstofferträge pro Hektar erzielen, die Bandbreite der nutzbaren Biomasse ist größer, und sie verursachen geringere Emissionen.“

          Es wird gekühlt, entstaubt und gereinigt

          Als vorteilhaft gilt vor allem, dass nicht wie zurzeit nur einzelne öl-, zucker- oder stärkehaltige Bestandteile bestimmter Pflanzen zur Kraftstoffproduktion verwendet werden können, sondern - zumindest theoretisch - sämtliche Teile sämtlicher Pflanzen. Auch Garten-, Küchen- und sogar organische Industrieabfälle könnten zu Sprit veredelt werden. Möglich wird dies vor allem durch zwei neue Entwicklungen - sogenannte BtL-Kraftstoffe („Biomaß to Liquid“) und aus Lignozellulose gewonnenes Ethanol - sowie durch einen alten Bekannten, der wegen bisher fehlender Verbreitung auch zur zweiten Generation gezählt wird: Biogas.

          Nah an der Markteinführung sind die BtL-Kraftstoffe, was vor allem an einer deutschen Firma liegt, der im sächsischen Freiberg ansässigen Choren Industries GmbH. Sie will Ende 2007 die weltweit erste kommerzielle Anlage zur Herstellung von BtL-Kraftstoffen in Betrieb nehmen. Voraussichtliche Jahresproduktion: 15.000 Tonnen oder 18 Millionen Liter, was dem jährlichen Bedarf von rund 20.000 Pkws entspricht.

          Produziert werden soll nach dem sogenannten Carbo-V-Verfahren, einem mehrstufigen Vergasungsprozess: Dabei wird die Biomasse zunächst bei Temperaturen zwischen 400 und 500 Grad in teerhaltiges Gas und Biokoks, festen Kohlenstoff, zerlegt. Der Koks wird ausgeschleust und das Gas auf Temperaturen von über 1400 Grad erhitzt, wodurch teerfreies Rohgas entsteht. Es wird gekühlt, entstaubt und weiter gereinigt. Zum Schluss wird es in einem Fischer-Tropsch-Reaktor in flüssigen Treibstoff umgewandelt. Der flächenbezogene Ertrag liegt mit rund viertausend Litern pro Hektar deutlich über den Erträgen der heute genutzten Biosprits.

          „Abfälle aus der Biotonne sind zu nass“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Braunkohlekraftwerk Jänschwalde hinter dem ehemaligen Braunkohletagebau Cottbus-Nord

          Details des Klimapakts : Wer hat’s erfunden?

          Kommenden Freitag soll der Klimapakt beschlossen werden. Um die entscheidenden Details wird bis zuletzt gerungen: Offen ist die Frage, wie viel die Tonne CO2 kosten soll.
          Salvini lässt sich am Sonntag von seinen Anhängern in Pontida feiern.

          Lega-Treffen in Pontida : Die Jagdsaison ist eröffnet

          Nach seiner Niederlage ist Matteo Salvini wieder in Angriffslaune. Bei einem Treffen der Lega ruft er zum Sturz der Linkskoalition auf. Die Stimmung in Pontida ist bei spätsommerlichem Wetter in jeder Hinsicht aufgeheizt.

          NPD-Ortsvorsteher in Hessen : Ein netter Kerl

          In einem Dorf wird ein NPD-Mann zum Ortsvorsteher gewählt. Die Aufregung ist groß, im Ort selbst findet man das nur halb so wild. Eindrücke aus Altenstadt-Waldsiedlung.

          IAA : Draußen Protest, innen leuchtende Männeraugen

          Wo der SUV noch artgerecht gehalten wird: Unsere Autorin war auf der Automesse unterwegs. Die Autohersteller reagieren auf den zunehmenden Druck mit ihrer elektrischen Charmeoffensive – die Publikumsmagneten findet man jedoch an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.