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Ausstellung über Wetter und Klima : Wetter machen im Stangenwald

Der erste künstliche Schneekristall, 1936 vom japanischen Physiker Ukichiro Nakaya gezüchtet Bild: U.N.Limited, Tokio

Können wir unsere Haut vor der Natur noch retten? Eine Ausstellung in Dresden zeigt, wie wir unser Verhältnis zu Klima und Atmosphäre zerrüttet haben. Mit naturwissenschaftlicher Strenge, historischer Tiefe - und geradezu verspielter Symbolik.

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          Al Gore konnte nicht das letzte Wort haben. Das war klar. Aber was sollte nach dem filmischen Weltbedrohungsepos „Eine unbequeme Wahrheit“ noch kommen, das unser zerrüttetes Verhältnis zu Klima und Atmosphäre mit gebotener Tiefenschärfe dokumentiert? Wer ein paar der oft als soziales Begleitprogramm zu Klimakonferenzen arrangierten Aufklärungsversuche gesehen hat, mal mit Fakten und Kurven vollgestopfte Posterstellwände, die anderen schreiend auf Überlebensparolen reduziert, der wird aufgehört haben, die Antwort in einer Ausstellung zu suchen. Klima, meteorologische Phänomene überhaupt sind scheinbar nur etwas für bewegte Bilder. Für Bilder zumal, die Urängste des Menschen mobilisieren. Ein Hurrikan, der Häuser zusammenklappen lässt wie Pappkartons, Fluten, die ganze Familien auseinanderreißen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Unser Verhältnis zum Wetter ist aufs äußerste gespannt und geprägt von den Versuchen, unsere Haut zu retten. Aber das ist nur die eine Seite. Da ist noch viel mehr in unserer Geschichte, was die Menschen kulturell an die Launen des Klimas kettet, vom frühen Ritus bis zur modernen Klimaprognose. Der Blick auf dieses gesellschaftliche Mehr, auf die Anfänge und zivilisatorischen Übergänge in diese sich zuspitzende Beziehung zum äußeren Element, ist für das Verständnis der Klimawandelfurcht, wie wir sie heute erleben, allemal wertvoller als die Inhalte bloß aufrüttelnder Kinothriller. Dass nun dies zu zeigen ausgerechnet in einer Ausstellung gelingt, nämlich in der Sonderschau des Dresdner Hygiene-Museums „2 Grad - Das Wetter, der Mensch und sein Klima“, das liegt wohl vor allem daran, dass man bei aller historischen Tiefe und naturwissenschaftlichen Strenge, ja auch trotz des aktuell gebotenen Ernstes des Themas, eine geradezu verspielte Symbolik wagt.

          Franklins Blitzableiter

          Das Gerüst dieser Symbolsprache bilden im wörtlichen Sinne Wetterfahnenstangen aus Stahl. Im Ganzen sind es einige Tonnen Stahl, die in vier Räumen zu Themeninseln aufgestellt wurden. Die „Sonneninsel“ ist ein polyederförmiger Körper, die „Windinsel“ ein schneckenförmig gewundenes Stangengerüst und die „Friedensinsel“, auf welcher paradoxerweise der Krieg gegen unerwünschtes Wetter dargestellt wird, ein ausladendes Klettergerüst mitten im Raum - ein Kommandostand aus einem zentnerschweren Stangengerippe. Auf all diesen sprechenden Gerüstkonstruktionen sind thematisch passende Objekte installiert. Passend und manchmal augenzwinkernd sich gegenüberstehend.

          Ein Sandsturm nähert sich einem Dorf in der sudanesischen Region Nyala

          Da werden Leihgaben aus Museums- und Techniksammlungen gezeigt wie Benjamin Franklins Blitzableiter, der auf eine private Schneekugelsammlung trifft, oder das Kunstwerk „Klima-Maschine“ von Ton Matton - ein hölzernes Kakteengewächshaus als Symbol der Verwüstung -, das sich gegenüber einer weißen Gummiente von Dean Orlisson wiederfindet, welche vor dessen Haus an der Küste Alaskas gespült worden war. Das schwimmende Entlein war Teil eines im Nordpazifik havarierten Containerschiffs aus Hongkong. Es hatte durch seinen Unfall auf frappierende Weise die Erkenntnisse der Meeresstromforschung über Zug und Geschwindigkeit der Ozeanzirkulation belegt und erweitert.

          Vom Beobachter und Berechner ...

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