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Kommentar : Kleiner Klimawandel

Die Unsicherheiten über die Folgen der globalen Erwärmung bleiben groß. Doch trotz der vorsichtigen Aussagen der Forscher im neuen Weltklimabericht können wir alle es nicht mehr übersehen: Natur und Gesellschaft sind verletzlicher als gedacht.

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          Noch nie wurde so viel Wissen über den Klimawandel zusammengetragen, aber noch nie konnte man auch so wenig darüber sagen, wie dieser unsere Welt verändert. Zweieinhalbtausend Seiten lang ist der zweite Teil des neuen Weltklimaberichts, Zehntausende Studien wurden berücksichtigt, viele Prognosen gewagt und unzählige Spuren gefunden, welche die Folgen der globalen Erwärmung belegen. Doch die Unsicherheiten bleiben groß.

          Zu behaupten, dass aus alldem und auf achtundvierzig Seiten „Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger“ ein neues Dokument der Panikmache gestrickt worden sei, ist unangebracht. Selbst die weltweiten Einkommensverluste von bis zu zwei Prozent bei einer Erhöhung der Durchschnittstemperatur um zwei Grad wurden vom Weltklimarat IPCC mit so vielen Hinweisen auf die begrenzte Datenlage versehen, dass klar ist: Hier wurde das politisch hochbrisante Thema mit spitzen Fingern angefasst und jede unsolide Zuspitzung zu vermeiden versucht. Der Grund dafür ist einfach: Der Weltklimarat, speziell die zuständige Arbeitsgruppe zwei, hatte sich mit Aussagen über Folgen und Risiken des Klimawandels ein ums andere Mal in Schwierigkeiten gebracht. „Unwissenschaftlichkeit“ lautete der Vorwurf vor wenigen Jahren. Das Eingeständnis, unseriöse Quellen verwendet zu haben, traf das ohnehin unter dem Verdacht des politischen Missbrauchs stehende Forschergremium hart. Der neue Weltklimabericht ist deshalb auch ein Versuch der wissenschaftlichen Rehabilitation.

          Zu großen Teilen ist das neue Dokument mit Relativierungen versehen, die nur Fachleute noch verstehen können. An den bisherigen Aussagen ändert das aber wenig. So schwierig es also weiterhin ist, zu ermessen, wie die Zukunft von Wirtschaft, Natur, Gesundheit und auch die Flüchtlingsprobleme in einer wärmeren Welt im Einzelnen aussehen werden, so eindeutig ist die Tendenz: Die Nachteile des beschleunigten Klimawandels überwiegen. Und nicht nur das. Schon bei einer globalen Erwärmung um „nur“ ein oder zwei Grad sieht man heute Anzeichen für Risiken.

          Bisher wähnten sich viele da noch auf der sicheren Seite. Tatsächlich sind wir heute aber schon auf dem Weg zu einer Erwärmung um vier Grad bis zum Ende des Jahrhunderts. Natur und Gesellschaft sind verletzlicher als gedacht. Das ist weniger denn je zu bestreiten.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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