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Schulen und Kitas öffnen? : Kinder sind genauso infektiös wie Erwachsene

Garderobe eines Kindergartens in Frankfurt (Oder). Bild: dpa

Diese Studie dürfte die Lockdown-Debatte um Kita- und Schulöffnungen anheizen: Berliner Virologen um Christian Drosten haben erstmals die Viruslast von Kindern im Hals getestet. Ihre Resultate könnten den Vorsichtigen Auftrieb geben.

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          „Die Rolle von Kindern ist nicht geklärt“, das war der Titel des NDR-Podcasts „Das Coronavirus-Update mit Christian Drosten“ vom Dienstag. Gemeint war natürlich die Rolle der Kinder als Überträger des neuen Coronavirus Sars-CoV-2. Denn dass infizierte Kinder sehr viel seltener an der vom Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 erkranken und schon gar nicht schwer, das war seit Wochen unstrittig. Der Titel des Podcasts passte also ganz wunderbar, so würde der Berliner Virologe Christian Drosten an dieser Stelle wohl formulieren, zu der bis dahin verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz, jedenfalls was die Infektiosität von Kindern betrifft. Was insofern stimmt, als die indirekten Hinweise, die man seit Februar aus den wenigen aussagekräftigen, allerdings auch widersprüchlichen Übertragungsstudien aus China, Italien, Island und den Niederlanden gewonnen hatte, keine belastbaren Aussagen zuließen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Ob, wie und welche Kinder ansteckend sind, konnte bisher keiner sicher sagen. Man hatte einfach zu wenige getestete Kinder in die Studien eingeschlossen. Erfahrungen aus historischen Seuchen lagen zwar vor, doch was definitiv fehlte, waren frische, gute Studien, die die früh beschlossenen Schul- und Kitaschließungen auf ein solides empirisches Fundament gestellt hätten; und die nun ebenso die hitzige Debatte um die Wiedereröffnung der Schulen und Kindergärten mit wissenschaftlichen Argumenten stützen könnte.

          „Kein signifikanter Unterschied“

          Die Evidenzlücke ärgert deshalb seit geraumer Zeit nicht nur die Politik, sondern Pädagogen und Eltern genauso. Die Virologen und die Epidemiologen, die sich mit den Übertragungswegen und –wahrscheinlichkeiten beschäftigen, mussten also handeln. In seinem Podcast kündigte Drosten nun genau das an, wenn auch da noch etwas kryptisch: In den „nächsten Tagen“ werde die Öffentlichkeit Näheres über die Infektiosität der Kinder erfahren.

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          Und dann ging es auch ganz schnell. Seit gestern, also Mittwochabend, ist die an der Berliner Charité vorgenommene Studie öffentlich. Ohne wissenschaftliche Begutachtung zwar, aber immerhin mit den für die Fachleute überprüfbaren Details und Ergebnissen. Die entscheidende Grafik twitterte Drosten mit der ihm ganz eigenen Nüchternheit: „Kein signifikanter Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen.“  Mit anderen Worten: Sars-CoV-2-infizierte Kinder könnten in ihrer infektiösen Phase andere Menschen, etwa in der eigenen Familie, genauso anstecken wie jeder andere Erwachsene auch. Mit einem großen Unterschied allerdings: Während viele (im Schnitt gut die Hälfte)  der infektiösen Erwachsene Symptome zeigen – Husten beispielsweise oder Fieber und Kurzatmigkeit –, übertragen die Kinder die Viren zum ganz überwiegenden Teil ohne jede Spur von Krankheit. Sie werden auch nicht später richtig krank. Die Schlussfolgerung der  von Terry Jones angeführten Berliner Forschergruppe im Drosten-Labor lautet: „Was die unbegrenzte Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten angeht, müssen wir in der gegenwärtigen Situation, in der immer noch ein Großteil der Bevölkerung nicht immun ist und die Übertragung allein durch nicht-pharmakologische Maßnahmen niedrig gehalten werden muss, äußerste Vorsicht walten lassen.“

          Abgesehen von diesem klaren Statement, wie aussagekräftig und repräsentativ ist nun diese Studie? Untersucht und verglichen wurden insgesamt 3712 positiv getestete Infizierte, die seit Beginn der Testungen an der Charité erfasst wurden. Unter diesen Positiven waren 37 Kinder im Kindergartenalter, 16 Grundschüler und 74 Jugendliche aus weiterführenden Schulen. Man mag einwenden, das sind nicht viele Fälle. Tatsächlich aber sind den Berliner Forschern zufolge seit Beginn der Pandemie nach Auswertung der medizinischen Literatur überhaupt erst 1065 Sars-CoV-2-Kinder weltweit erfasst worden sind.

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