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Cannabis-Konsum : Kiffen vergiftet die kreativsten Köpfe

  • -Aktualisiert am

Cannabis sorgt bei Studenten für schlechtere Noten: Forscher wollen das in einer groß angelegten Studie nachgewiesen haben. Bild: dpa

Berlin, Hamburg - die Freigabe von Cannabis wird vielerorts politisch forciert. Der medizinische und psychosoziale Preis ist allerdings hoch. Ihn zahlen die Jungen.

          7 Min.

          Die politischen, ökonomischen und juristischen Gründe für die Legalisierung von Cannabis mögen viele überzeugen. Sie lassen aber die Risiken des nichtmedizinischen Gebrauchs dieser Droge in den Hintergrund treten. Beispiele dafür kennt die Wissenschaft inzwischen viele. So wie jenen Kunststudenten, der mich vor einigen Jahren aufsuchte, weil er seine Einfälle nicht umsetzen konnte. Er hatte einige Schriften von mir über Kreativität gelesen und meint ich könne ihm ein paar Tipps geben. Nach guten Schulleistungen und der Aufnahme in eine Stiftung für besonders Begabte blieb er weit unter seinen Möglichkeiten. Er konnte seine Einfälle nicht festhalten und einmal ausgewählte Ideen nicht umsetzen. Leichte Konzentrations- und Antriebsstörungen fielen ihm selbst auf. Er kam aber nicht auf die Idee, dass dies etwas mit seinem jahrelangen Cannabiskonsum zu tun haben könnte. Er ließ sich auf einen Abstinenzversuch ein. Es dauerte einige Monate, bis er wieder gezielt arbeiten konnte. Dann absolvierte er sein Examen mit Auszeichnung, erhielt eine Dozentenstelle, und seine Kunstwerke finden mittlerweile Anerkennung. Nach fünf Jahren fasst er rückblickend zusammen: „Marihuana beruhigt und entspannt. Aber genau das macht auch unproduktiv. Wenn ich Cannabis konsumierte, war ich vollkommen unkreativ, aber es quälte mich nicht.“ Er fügte hinzu: „Viele meiner Kommilitonen sind auf der Strecke geblieben: Schlichte Lustlosigkeit, aber auch Depressionen und Ängste und am schlimmsten sind die Psychosen.“

          Bau dein Cannabis doch selbst an: Die Verschreibung von Cannabis als Schmerzmittel hat immer noch Tücken.
          Bau dein Cannabis doch selbst an: Die Verschreibung von Cannabis als Schmerzmittel hat immer noch Tücken. : Bild: dpa

          Solche Beispiele aus der Praxis sind mehr als Anekdoten, denn sie untermauern die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien. Cannabis kann medizinisch bei einigen Krankheiten angebracht sein, und viele Personen konsumieren jahrzehntelang Marihuana ohne offensichtliche Beeinträchtigungen. Sie äußern sich werbewirksam öffentlich über die wohltuenden Effekte. Diejenigen Konsumenten, die schwer geschädigt werden, erscheinen seltener in den Medien. Dies ist einer der vielen Gründe, warum die negativen Wirkungen nicht ausreichend bekannt sind.

          An prominenter Stelle finden sich auch gezielte Fehlinformationen. In Wikipedia wird behauptet, dass hirnorganische Veränderungen nicht nachgewiesen wurden. Auch der Zusammenhang von Cannabiskonsum mit schizophrenen Psychosen wird bezweifelt. Ähnliches findet sich beim zweiten Google-Treffer, dem Deutschen Hanfverband. Auch hier wird behauptet, dass länger andauernde schizophrene Psychosen, die bei einem Prozent der Bevölkerung aufträten, bei Cannabiskonsumenten mit 1,2 Prozent nur geringfügig häufiger vorkämen. Dies wäre allerdings eine beträchtliche Steigerung auf 160 000 Erkrankte (*) mehr allein in Deutschland. Die in angesehenen Fachzeitschriften veröffentlichten Studien vermitteln dementsprechend ein weniger harmloses Bild.

          Bild: Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht

          Im „New England Journal of Medicine“ wurden 2014 die wissenschaftlichen Daten zusammengefasst und bewertet. Bei häufigem Konsum von den heute üblichen hochdosierten Cannabisprodukten verdoppelt sich das Psychoserisiko. Schädigungen der Hirnentwicklung, die mit Störungen von Motivation, Konzentration und Gedächtnis einhergehen, gelten als wissenschaftlich bewiesen. Die substantiellen Hirnveränderungen bei Cannabiskonsumenten, insbesondere des heute üblichen, stark konzentrierten THC, zeigen sich vorwiegend im Hippocampus, der für Gedächtnisfunktionen von großer Bedeutung ist, und in den Amygdala-Kernen, die für die Emotionsregulation wichtig sind. Die Funktionsstörungen des Gehirns lassen sich auch durch einen Abfall des Intelligenzquotienten objektivieren. Auch das kombinatorische Denken wird durch Cannabis beeinträchtigt. Die Störungen von Hirnfunktionen und Hirnstrukturen sind bei frühzeitigem, längerem und hochdosiertem Gebrauch oft dauerhaft. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass bei häufigem Cannabiskonsum vermehrt Ängste und Depressionen auftreten. Statistisch ist chronischer Marihuanagebrauch mit geringerem Einkommen, Arbeitslosigkeit, sozialer Hilfsbedürftigkeit, kriminellem Verhalten und geringerer Lebenszufriedenheit assoziiert.

          Cannabis kann auch zu Vergiftungen und im Straßenverkehr zu tödlichen Unfällen führen. Eine Meta-Analyse zeigt, dass das Unfallrisiko doppelt so hoch ist, wenn eine Person kurz nach Marihuana-Konsum Auto fährt. Es ist atemberaubend, wie solche Befunde, die man auch unlängst im „Deutschen Ärzteblatt“ nachlesen konnte, ignoriert werden. So schreibt ein Autor einer großen Tageszeitung im Brustton der Überzeugung, dass „die Zahl der bekannten Haschisch-Toten bei null“ läge.

          Besonders gefährlich ist der Cannabiskonsum während der Pubertät. Diese Lebensphase ist wegen der in dieser Zeit stattfindenden neuronalen Umbauprozesse besonders anfällig. Deswegen ist es katastrophal, wenn Jugendliche schon mit zwölf Jahren oder früher beginnen, Haschisch und Marihuana zu rauchen und große Mengen Alkohols zu trinken. Dabei wird gebetsmühlenhaft wiederholt, dass Cannabis weniger Menschen schade als Alkohol. Ist das ein Trost angesichts der viel weiteren Verbreitung von Alkohol?

          In manchen Länder ist der Konsum von Marihuana legal.
          In manchen Länder ist der Konsum von Marihuana legal. : Bild: dpa

          Neben Hirnveränderungen und psychotischen Erkrankungen kann Cannabis zu weniger deutlichen, aber doch gravierenden Entwicklungsbeeinträchtigungen führen. Nicht nur aus neurobiologischer, sondern auch aus psychoanalytischer Sicht ist die Adoleszenz, das typische Eintrittsalter für Cannabisgebrauch, eine hochkreative Umbauphase. Sie ist mit Spannungen und Konflikten verbunden. Wenn man diese persönlichen und sozialen Spannungen nicht durchlebt, sondern chemisch dämpft, geht persönliches Entwicklungspotential verloren. So dient Cannabis eben nicht dem emanzipatorischen Unabhängigkeitsbestreben, sondern dem resignativen Einfügen in bestehende Missstände.

          Bei frühem Beginn und hochdosiertem Gebrauch sprechen Patientinnen und Patienten rückblickend oft von einem „Loch in ihrer Entwicklung“. Dennoch werden in der letzten Zeit wieder Stimmen lauter, die Cannabis und anderen Drogen kreativitätsfördernde Wirkungen zuschreiben. Es ist so, als wären Janis Joplin, Jimmy Hendrix, Brian

          Jones, Jim Morrison und Amy Winehouse, die durch Alkohol und Drogen ihre Kreativität und sich selbst zerstörten, in Vergessenheit geraten. Dabei zeigen Einzelfallstudien, dass Alkohol und Drogen konsumierende Künstler nicht kreativ waren, weil, sondern obwohl sie Drogen einnahmen. Diejenigen, die länger schöpferisch sind, verzichten irgendwann einmal auf Cannabis und andere Drogen sowie auf regelmäßig zu hohe Mengen Alkohols. Viele sind aber schon vorher auf der Strecke geblieben.

          In meiner Beratungs- und Therapiepraxis kontaktieren mich viele jugendliche Patienten wegen diffuser Verstimmungen, Konzentrationsstörungen, Lustlosigkeit und Beziehungsproblemen. Die Betroffenen und ihr Umfeld kommen erstaunlicherweise nicht auf die Idee, dass dies auch an ihrem Cannabiskonsum liegen könnte. Sie reagieren manchmal sogar ärgerlich, wenn man diese Möglichkeit nur in Betracht zieht. Gelingt es ihnen aber, ihren Cannabis-konsum zu reduzieren, verbessert sich ihre Stimmung, die Konzentrationsfähigkeit nimmt zu, und ihre Beziehungen werden lebendiger.

          Viele erleben den Cannabis-Konsum als angenehm und entspannend. Aber ist diese Entspannung beispielgebend? Es ist naheliegend, dass bei verbreitetem Gebrauch auch Pubertierende ihre Energien durch Cannabis zähmen möchten. Dabei gibt es bessere Rituale, die Turbulenzen des Erwachsenwerdens zu gestalten, etwa Musik, Kunst, Literatur, Sport und nicht zuletzt schulisches Lernen. Diese verlangen allerdings mehr Aktivität und kosten Geld. Schließlich sind auch Freundschaften, Liebesbeziehungen und Sexualität kreative Aufgaben, die durch Cannabis eher gedämpft werden können Die Aussage des Kunststudenten, Cannabis beruhige und entspanne, gilt auch für manche Eltern, Lehrer und Politiker. Der Schaden dieser beruhigten Entspannung ist leider nicht unerheblich.

          (*) UPDATE v. 10. Juli, 18.40 Uhr: „Die Zahl 160.000 bezieht sich nicht auf Patientinnen und Patienten, die unter cannabisinduzierten Psychosen aus dem schizophrenen Spektrum leiden, sondern auf das geschätzte Drittel von Cannabisabhängigen, die sehr schwere emotionale, intellektuelle und soziale Beeinträchtigungen aufweisen."

          UPDATE v. 20. August, 19.00 Uhr. Eine Richtigstellung: Die im Artikel zitierte Aussage, dass bei Cannabiskonsumenten das Psychoserisiko nur auf 1,2 Prozent steigt, findet sich bei Wikipedia und nicht auf der Website des Deutschen Hanfverbandes (DHV). Der DHV bezweifelt allerdings die Eindeutigkeit der wissenschaftlich und klinisch gut belegten Erhöhung des Psychoserisikos gänzlich:  „Verbreitet ist die Annahme, dass Cannabis Psychosen auslösen kann. Die Forschung ist hierzu allerdings nicht eindeutig.“ Die Forschung und die klinische Erfahrung sind in diesem Punkt sehr wohl eindeutig. Unsicherheit herrscht nur in Bezug auf das Ausmaß der Risikoerhöhung. Entgegen der wissenschaftlichen Befunde, die zum Beispiel den Metaanalysen und Übersichtsartikeln im New England Journal of Medicine (2014) und dem Deutschen Ärzteblatt (2015) zu entnehmen sind, finden sich weitere tendenziöse Verharmlosungen auf der Website des DHV:  „Nach heutigem Kenntnisstand werden jedoch keine bleibende Hirnschäden verursacht" und „dass gravierende Hirnschäden wie sie bei Alkohol bekannt sind, nicht verursacht werden.“  Richtig ist, dass, wie im Artikel beschrieben, bleibende Schädigungen des Gehirns mit messbaren Volumenminderungen der Amygdala-Kerne, des Hippocampus und der axonalen Faserbahnen nachgewiesen wurden (Volkow et al. 2014,  Hoch et al. 2015).

           Die Website des DHV ist ein gutes Beispiel für die Verharmlosung des Cannabis-Gebrauchs. Die Vorzüge von Cannabis werden ohne jede Belege dargestellt, die Risiken aber unter Berufung auf nicht gesicherte wissenschaftliche Befunde bezweifelt. Es wird ohne jeden Nachweis behauptet, dass unter Cannabiseinfluss „neuartige Ideen und Einsichten“ aufträten und dass „das Gemeinschaftserleben unter Freunden intensiviert wird“. Wenn es aber um negative Folgen geht, wie das erhöhte Krebsrisiko, wird darauf verwiesen, dass dies „nicht zweifelsfrei nachgewiesen wurde“. Auch die Auswirkungen von Cannabis auf Schwangerschaft und Neugeborene seien „umstritten“. Durch Cannabis bedingte kardiale und zerebrale Ischämien, d.h. Herzinfarkte und Schlaganfälle, die zum Tod führten, werden auf der DHV-Seite gar nicht erwähnt.

          In Bezug auf das Ärzten, Psychotherapeuten und Drogenberatern gut bekannte  amotivationale Syndrom heißt es auf der Seite des DHV: „Vielmehr müssen Eigenschaften der Person, die unabhängig vom Cannabiskonsum vorhanden sind, zur Erklärung eines demotivierten Gemütszustands herangezogen werden“. Dies ist eine Binsenweisheit, denn jede Droge trifft auf „Eigenschaften der Person“, die Betroffene mehr oder weniger gefährden.  Bei mit Cannabis verbundenen Angsterkrankungen und manisch-depressiven Störungen wird der Eindruck erweckt, als diene Cannabis nur der Selbstbehandlung: „So geht man davon aus, dass psychische Probleme wie beispielsweise Depressionen das Risiko erhöhen, Cannabis im Sinne einer ‚Selbstmedikation‘ zu missbrauchen“ (a.a.O. S. 4). Von den unmittelbaren Risiken „sind vor allem Konsumenten betroffen, die mit der Wirkung von Cannabis noch nicht vertraut sind“ (a.a.O. S. 2). Wissenschaftliche Studien zur Begründung dieser Einladung, auch bei schweren psychischen Erkrankungen getrost Cannabis weiter zu konsumieren, werden nicht erwähnt. Diese zeigen nämlich, dass bei einem wöchentlichen Cannabiskonsum bis zum 29. Lebensjahr das Risiko für Angsterkrankungen signifikant erhöht ist. Bei Cannabisabhängigen ergibt sich 2,5, bis 6-fach erhöhtes Risiko für Angststörungen. Schwere Depressionen mit manischen Phasen im Wechsel, sind doppelt so häufig bei Cannabismissbrauch. Schließlich werden mit Cannabiskonsum verbundene Suizide und mitunter tödliche Verkehrsunfälle auf der Seite des DHV unter den Risiken überhaupt nicht erwähnt.

          • Hoch, E., Bonnet, U., Thomasius, R., Ganzer, F., Havemann-Reinecke, U., Preuss, U. W. (2015): Risiken bei nicht medizinischem Gebrauch von Cannabis.Deutsches Ärzteblatt, 112, 16, S. 271-278
          • Volkow, N.D., Baler, R.D., Compton, W.M. & Weiss, S.R.B. (2014): Adverse Health Effects   of Marijuana Use. New England Journal of Medicine, 370: 2219-2227

                       

          Der Autor

          Professor Rainer M. Holm-Hadulla ist Psychiater und Psychoanalytiker an der Universität Heidelberg.

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