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Foto: Boston Public Library



Blaupause für die Fiktion

Von TILMAN SPRECKELSEN
Foto: Boston Public Library

11. März 2020 · Karten bilden nicht nur reale Räume ab. Auch in der Literatur helfen sie bei der Orientierung, nicht nur Lesern, sondern oft auch dem Autor.

D as Weihnachtsgeschenk, das die Weasley-Zwillinge Fred und George dem nach einem Quidditch-Unfall verletzten Harry Potter mit großer Geste überreichen, sieht nicht besonders wertvoll aus – „ein großes, quadratisches, heftig mitgenommenes Blatt Pergament. Kein Wort stand darauf.“ Harry glaubt an einen der Scherze, für welche die Zwillinge bekannt sind, und auch dass sie das Pergament „das Geheimnis unseres Erfolgs“ nennen, überzeugt ihn nicht.

Doch die Zwillinge zeigen ihm, was es mit der „Karte des Rumtreibers“ auf sich hat. Die unscheinbare Oberfläche verbirgt eine magische Karte des Zaubererinternats Hogwarts, der Schule von Harry Potter und den Weasleys. Aktiviert wird sie, wenn man sie mit dem Zauberstab antippt und die Worte spricht: „Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin.“ Dann erscheint auf dem scheinbar leeren Blatt ein Plan des Schulgebäudes, inklusive einiger Geheimgänge, und allein dieses Wissen wäre schon Grund genug für die Bewertung der Karte als Erfolgsgeheimnis der dubiosen Weasleys. Aber die „Karte des Rumtreibers“, geschaffen einst mit der gebündelten magischen Kraft von vier Hogwarts-Schülern, kann noch mehr: Auf ihr bewegen sich zahlreiche Punkte, jeder von ihnen beschriftet, sie repräsentieren die Bewohner von Hogwarts, vom Schulleiter bis zum Poltergeist. Bewegen sich die so Symbolisierten in der Realität, dann bewegen sich die Symbole mit. Zudem ist die Karte ein dreidimensionales Abbild der Schule, denn Harry kann mit ihr verschiedene Stockwerke gleichzeitig überwachen.

Foto: Cornell University, Ithaca, NY „The Pilgrim's Progress“ (1678) von John Bunyan schildert allegorisch den Weg von der Sünde bis zur Erlösung. Die Karte von 1850 setzt ihn ins Bild.
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In „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“, dem dritten Band der Serie, entwirft die Autorin J. K. Rowling also die fiktive Karte einer fiktiven Örtlichkeit, ausgestattet mit fiktiven – oder: magischen – Fähigkeiten. In ihrer Funktion ist sie einem Monitor vergleichbar, weil sie nicht nur einen Bau in einer bestimmten Phase seiner Geschichte zeigt, sondern im aktuellen Zustand und mit den Bewegungen der Bewohner. Von einem herkömmlichen Monitor aber unterscheidet sie die Verfremdung in der Darstellung, schließlich zeigt das Pergament keine Film- oder Fotoaufnahmen, sondern das Gebäude gezeichnet und die darin Lebenden als Punkte. Für einen simplen Lageplan ist das nicht schlecht.


Karthographie als Handlungsbestandteil: J.K. Rowlings „Karte des Rumtreibers“

Unter den vielen Karten, die sich in Büchern abgebildet finden oder umgekehrt diese bei der Konzeption erst ermöglichen, nimmt die „Karte des Rumtreibers“ eine besondere Stellung ein. Sie illustriert nicht, was literarisch geschildert wird, sie stellt die erfundene Topographie, die entworfene Welt, nicht nur dar, sondern ist in die Geschichte integriert und damit Teil der Handlung. Harry wird sie in diesem Band und in den folgenden als Werkzeug benutzen, um Nachstellungen zu entkommen, und er wird erst allmählich lernen, sich nicht von ihr in die Irre führen zu lassen. Der Zauberlehrling macht mit ihr die Erfahrung, die man mit jeglicher Karte leicht machen kann: Sie ist nicht ohne weiteres zu lesen, auch wenn das zunächst so erscheint, sondern sie will interpretiert werden. In diesem Fall geht das weit über die räumliche Anpassung an die korrekte Himmelsrichtung hinaus. So hat die Karte die Eigenschaft, magische Tricks der Hogwarts-Bewohner zu ignorieren. Wer sich etwa in eine Katze verwandelt und so alle täuscht, denen er auf den Gängen begegnet, erscheint auf dem Pergament dennoch unter seinem eigentlichen Namen, so dass der Augenschein der Karte widerspricht – Harry braucht eine Weile, um das zu verstehen.

Foto: David Mitchell Frisch gezeichnet ist halb geschrieben: Skizze aus David Mitchells Notizbuch für „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“
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Solche Differenzen treten in tatsächlichen oder literarischen Karten naturgemäß umso mehr auf, je abstrakter die Darstellungen sind und je größer dadurch der Aufwand des Interpretierens ist. Manchmal ist das durchaus gewollt, etwa im Fall von Schatzkarten, die sich gerade nicht jedem sofort erschließen sollen, sondern nur denjenigen, für die sie gedacht sind – als Gedächtnisstütze für die Deponierer des Schatzes, oder als Anleitung für ihre Vertrauten, die den Schlüssel zu dem auf der Karte untergebrachten Rätsel besitzen und so etwa eine Lücke in der Darstellung ausfüllen können.

Doch in den meisten Fällen treten Karten in Büchern nicht als Teil der fiktiven Handlung, sondern stattdessen als reales Hilfsmittel für den Leser auf. Wenn beispielsweise der niederländische Autor Simon van der Geest seinen Jugendroman „Das Abrakadabra der Fische“ (auf deutsch bei Thienemann erschienen) in der holländischen Provinz ansiedelt, zwischen Bauernhöfen, Deichen und Kanälen, dann ist eine Karte dieser Landschaft umso hilfreicher, da sich die Protagonisten eben nicht beliebig bewegen, sondern dem Verlauf bestimmter Wasser- und Landwege folgen, was die Handlung wesentlich prägt. Dabei hat die Grafikerin Karst-Janneke Rogaar diese Ansicht nicht wie eine übliche Wander- oder Straßenkarte angelegt, sondern Kühe und einen aufgeregten Schwan dort plaziert, wo sie auch in der Erzählung vorkommen. Er zeichnet Bauernhäuser, Mühle und Wäldchen dreidimensional hinein und hebt sie von den Flächen dazwischen ab, mischt also das Konkrete mit dem Abstrakten.

Foto: British Library, London Wie sah Robinsons Insel aus? Der 1720, ein Jahr nach dem Roman, erschienene Band „Serious Reflections During the Life and Surprising Adventures of Robinson Crusoe“ zeigt sie.
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Eine der berühmtesten literaturbegleitenden Karten überhaupt, überschrieben mit „Der Westen von Mittelerde am Ende des dritten Zeitalters“, ist die Übersicht zu J. R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“. Dass der Roman aus linguistischen und mythologischen Vorarbeiten erwuchs, ist bekannt. Dass Tolkien sich aber seiner Romanhandlung vor dem Schreiben auch topographisch versicherte, ist es schon weniger. „Ich begann wohlweislich mit einer Karte und machte die Geschichte passend“, sagte Tolkien 1954, und solche teils vagen, teils detailliert auf Millimeterpapier ausgeführten Skizzen des Autors sind auch erhalten. Die Karte aber, die dem „Herrn der Ringe“ beigegeben ist und die Wege von Frodo und seinen Gefährten maßstabsgetreu nachvollziehbar macht, trägt den winzigen Vermerk „CJRT“, was für Christopher John Reuel Tolkien steht, den Sohn des Verfassers. Bis an sein Lebensende edierte er die Werke seines Vaters als deren bester Kenner. Das kam auch seiner fein gezeichneten Darstellung von Mittelerde während der Ringkriege zugute.

Wo ein solcher Reichtum an Details und eine derart stimmige Topographie bereits im literarischen Werk angelegt sind, da ist eine solche Karte ohne weiteres möglich. Andere Texte sind vager gehalten – wer aufgrund der Beschreibungen etwa in „Hänsel und Gretel“ eine Übersichtskarte zu diesem Märchen entwerfen wollte, müsste sich dafür so viel Freiheit nehmen und so viele Lücken ausfüllen, dass das Ergebnis mehr mit ihm selbst als mit dem Werk zu tun hätte, von dem er ausgegangen ist. Natürlich gibt es solche Karten trotzdem. Sie verbinden konkrete Stationen einer Handlung mit phantasievoll ausgeschmückten Bereichen dazwischen und treten so in schöpferische Konkurrenz mit dem Text.

Es ist allerdings nicht nur der Leser, der von nachträglich erstellten Karten zum Text profitiert. Ähnlich wie J. R. R. Tolkien fertigen viele Autoren Skizzen der Gegenden an, in denen sie ihre Werke spielen lassen, sei es eine Grobskizze wie Theodor Storm, der die „Schimmelreiter“-Landschaft mit Deichen und Kögen mit wenigen markanten Strichen festhielt, sei es eine Feinzeichnung, wie sie Arno Schmidt für seinen Roman „Brand’s Haide“ anfertigte: ein Lageplan der drei Häuser, in deren Umfeld sich die Handlung abspielt, daneben noch einmal eines der Häuser im Aufriss samt angedeutetem Dach, durch das man von oben in die einzelnen Zimmer hineinsieht.

Foto Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld. Die erste Unterkunft der Flüchtlinge: Arno Schmidt entwarf den Schauplatz von "Brand's Haide" 1950 so akkurat, wie man es von ihm gewohnt ist.
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Wie verbreitet dieses Verfahren unter Autoren ist und wie sehr es wohl zur Konzeption vieler literarischer Werke beiträgt, zeigt eine Reihe von Essays in dem Band „Verrückt nach Karten“, der jetzt auf Deutsch erschienen ist. „Man kann erst anfangen, wenn die Karte stimmt“, schreibt etwa David Mitchell, Autor von Romanen wie „Der Wolkenatlas“ oder „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“, und nennt die vom Autor entworfene Skizze zur Topographie des künftigen Werks eine „Blaupause für die Fiktion“, denn im Moment, in dem eine solche Karte ausgearbeitet vorliegt, ist „der Abschnitt der Geschichte, den sie darstellt, schon sehr weit gediehen“. So sei es etwa unmöglich, auf einer Karte die Städte, Gewässer oder Hügel einer Landschaft zu beschriften, ohne sich Gedanken über die dort verwendete Sprache zu machen, was wiederum mit der Bevölkerung dieser fiktiven Gegend zusammenhängt, die also zugleich entworfen wird.


Karthographie als Weltbauwerkzeug: J.R.R. Tolkiens Atlas von Mittelerde

Im selben Band schildert der englische Autor Philip Pullman seine frühe Faszination für Karten und frei erfundene Orte. Seinem Werk lässt sich das ablesen, allem voran dem „Goldenen Kompass“, der in einer Art alternativem Oxford spielt, mit ähnlichen Straßen und Gebäuden, aber bewohnt unter völlig anderen gesellschaftlichen Bedingungen von Wesen, die uns biologisch ähneln, aber nicht ganz entsprechen – die Menschen dieser Welt, darunter auch das Mädchen Lyra, besitzen eine veräußerlichte Seele in Tiergestalt, die ständig an ihrer Seite ist. Wie sich die reale Universitätsstadt von der in Pullmans Roman unterscheidet, zeigt sich in einem eigens geschriebenen Kartenwerk mit dem Titel „Lyras Oxford“.

Foto: Foto Reilly & Britton: Chicago, 1914 Für "Tik-Tok of Oz", den achten Band der Roman-serie von L. Frank Baum, schuf John Neill 1914 die erste Karte des Landes Oz
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Diese Verknüpfung von topographischer Realität und schöpferischer Phantasie gehört zum festen Bestand der Mittel moderner Literatur. Bisweilen hat es gar den Anschein, als bilde das eine, die genau beachtete Örtlichkeit, erst das Fundament für das andere: „Zugunsten der Plausibilität war ich ein penibler Realist“, so erinnert sich Pullman an einen frühen Roman, und auch James Joyce holte für seinen „Ulysses“ aus der Ferne die Expertise einer Verwandten ein, ob ein bestimmter Weg, den er seinen Helden im Roman gehen lässt, in der Dubliner Realität des Jahres 1904 auch eingeschlagen werden konnte.

Im historischen Roman kommen beide Ebenen zusammen. Autoren, die besonderen Wert auf Exaktheit legen, darauf, dass ihr Werk nicht im Widerspruch zur Realität von Ort und Epoche steht, in denen das Buch angesiedelt ist, nutzen Karten – schließlich hat sich beispielsweise die norddeutsche Westküste seit der Mitte des 19. Jahrhunderts massiv verändert, aus Inseln sind Teile des Festlands geworden, und je mehr ein Autor die damalige Topographie kennt, umso eher vermeidet er Widersprüche zwischen seinen Schilderungen etwa von zurückgelegten Wegen und der Realität. Wie viel Freiheit daraus erwachsen kann, zeigt etwa der Autor Lawrence Norfolk mit seinem im späten 18. Jahrhundert angesiedelten Roman „Lempriére’s Wörterbuch“. Die in London spielenden Teile sind penibel mit den Quellen, darunter viele Zeitungen, abgeglichen worden. Tief unter der Erde, aus einem Bereich, der damals weitgehend unerforscht geblieben ist, imaginiert der Autor aber einen riesigen, versteinerten Dinosaurier.

Foto: Boston Public Library Nach der "Edda" steht eine riesige Esche im Zentrum der Welt. Die Abbildung (links) stammt aus M. P. H. Mallets "Northern Antiquities" von 1859.
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Was aber, wenn das beschriebene Land nicht nur ganz oder in Teilen imaginiert, sondern auch noch gar nicht statisch ist? In der „Unendlichen Geschichte“, die Michael Ende 1979 veröffentlichte, gelangt der Protagonist Bastian Balthasar Bux durch die Lektüre eines bestimmten Buchs in das fiktive Land Phantásien. Jede Karte, die Bastians Reise veranschaulichen sollte, wäre nichts als eine Momentaufnahme, denn Phantásien schrumpft auf dramatische Weise bis zu Bastians Ankunft und wächst wieder, als er das Land mit seinen eigenen Vorstellungen ergänzt. Als Leser wird er zum Mitschöpfer einer fiktiven Welt. Wenn man so will: zum Kartenzeichner

Literatur:
Huw Lewis-Jones (Hrsg.):
„Verrückt nach Karten“,
wbg Theiss,
Darmstadt 2019,
34 Euro.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 11.03.2020 16:22 Uhr