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Neue EU-Berater : Junckers Gelehrtenclub

Mathe-Genie und Spinnen-Stylist: Cédric Villani ist jetzt auch im Rat der EU-Weisen. Bild: dpa

Die Europäische Kommission hat jetzt einen Rat der sieben Weisen. Mehr Kompetenz für Brüssel hoffen die einen, andere frotzeln: ein Alibi-Diskutierclub für noch mehr Bürokratie.

          Begeisterung sieht anders aus: Nachdem der portugiesische EU-Forschungskommissar Carlos Moedas die Namen der sieben neuen Wissenschaftsberater von EU-Präsident Jean-Claude Junckers genannt hatte, war es in den sozialen Netzwerken bemerkenswert still. Keine Spur von Euphorie, obwohl die Wissenschaft sich historisch gesehen durchaus privilegiert fühlen durfte - und obwohl durchaus klingende Namen darunter waren: der (noch) amtierende deutsche Cern-Chef Rolf-Dieter Heuer und Mathe-Genie Cédric Villani, der vor fünf Jahren mit der Fields-Medaille ausgezeichnet worden war. Ein offizielles Beratungsgremium, einen „Rat der Weisen“ von der Stärke gab es bei weitem noch nicht in Brüssel.

          EU-Forschungskommissar Carlos Moedas.
          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Kurz nach Junckers Wahl zum EU-Kommissionspräsidenten im vorigen Jahr sah das noch ganz anders aus. Damals löste seine Ankündigung, die von seinem Vorgänger Barroso eingesetzte „Chefwissenschaftlerin“ Anne Glover abzusetzen, einen Sturm der Entrüstung aus. Sollte Juncker auf auf wissenschaftliche Ratgeber verzichten wollen, wenn zugleich die politisch relevanten und ethisch mitunter brisanten Themen wie Gentechnik, Ernährungsforschung, Klima- und Datensicherheit immer komplexer und wichtiger werden?

          Die Kritiker wurden besänftigt, als er kurze Zeit später bekannt gab, ein eigenes Wissenschaftsberatungsgremium für die Kommission zu berufen. Doch ob die Kritik nun verstummt, ist durchaus fraglich. Nun schlägt das Pendel vor allem gegen die Konstruktion selbst aus. Klimaforscher Martin Kowarsch vom Mercator-Institut in Potsdam etwa sieht in einem Artikel in „Nature Climate Change“  die Beratergruppe im „Scientific Advice Mechanism“ (SAM) als „unausgereift“. Die EU stütze sich zu sehr auf den Rat der sieben Weisen, obwohl eine solche „disziplinär organisierte Stndard-Wissenschaft“ die anstehenden Themen gar nicht zufriedenstellend bewältigen könne.  Für besser hält er ein Beratungsgremium, das in der Lage sei, interdisziplinäre „Assessments“ - umfassende Sachstandsberichte - nach dem Vorbild etwa des Weltklimarates zu liefern.

          Cern-Generaldirektor Rolf-Dieter Heuer

          Allerdings dürfte der dafür nötige Aufwand noch weit das übersteigen, was jetzt angekündigt wurde und von anderer Seiten seinerseits als maßlose  Überbürokratisierung kritisiert wird. Den sieben Räten, die sich jährlich vier- bis sechsmal treffen und jährlich maximal vierzig Tage nebenberuflich für den Rat tätig sein sollen, soll ein 25-köpfiges Sekretariat an die Seite gestellt werden.

          Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin ist skeptisch, was der neue Rat bewirken kann: “Ich denke, der SAM wird wirklich überbewertet. Er hat zwar das Potenzial, Reports oder Legislativ-Vorschläge der Kommission besser zu machen, aber die ganze Debatte übersieht, dass der Mechanismus keinen Einfluss auf die Qualität von EU-Entscheidungen haben wird.“ Die Rolle von wissenschaftlicher Expertise im Ministerrat und Parlament sei sehr beschränkt.

          EU-Kommissionspräsident Juncker

          Aus 162 Kandidaten hat eine Findungskommission im Forschungskommissariat diese drei Frauen und vier Männer ausgewählt: die Soziologin Pearl Dykstra aus rotterdam, die Lissaboner Materialforscherin Elvira Fortunato, die Chefwissenschaftlerin des britischen Wetterdienstes Julia Slongo, Teilchenforscher Rof-Dieter Heuer vom Cern, den Warschauer Molekularbiologen Janusz Bujnicki, Cédric Villani vom Henri Poincaré Institute in Paris und Gesundheitsexperte Henrik C. Wegener von der Technischen Universität von Dänemark.

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