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Japans Tier-Mensch-Mischwesen : Auf dem Weg zu „Organfabriken“?

Ein vier Wochen alter Schweine-Embryo mit „vermenschlichten“ Organen wurde im Januar 2017 von amerikanischen Forschern des Salk-Instituts präsentiert. Bild: AP

Die Idee ist nicht neu: Ersatzorgane aus „vermenschlichten“ Tieren erzeugen. Nun erlaubt Japan das Herstellen und die Geburt solcher Tiere. Der Deutsche Ethikrat konnte dem schon vor acht Jahren einiges abgewinnen.

          In Japan sind erstmals Tierversuche genehmigt worden, die das Erzeugen von menschlichen Organen in lebenden Mäusen, Ratten und Schweinen ermöglichen sollen. Ayako Maesawa, Direktorin beim zuständigen Ministerium in Tokio, bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa, dass entsprechende Grundlagenversuche vom entscheidenden Expertengremium der Regierung grünes Licht erhalten haben. 

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Zuvor hatte das britische Wissenschaftsmagazin „Nature“ berichtet, der japanische Stammzellforscher Hiromitsu Nakauchi habe die Genehmigung erhalten, die so erzeugten Tiere als Tier-Mensch-Hybriden („Schimären“) im Körper eines Ammentieres heranwachsen – und später möglicherweise zur Welt bringen – zu lassen. Ziel dieser Forschungen ist es, irgendwann Schweine als „Organspender“ für Patienten erzeugen und damit den Organmangel beseitigen zu können. Solche Experimente sind auch nach deutschen Recht nicht grundsätzlich verboten. Der Deutsche Ethikrat hatte in einer acht Jahre alten Stellungnahme mit der Mehrheit seiner Mitglieder die Vertretbarkeit von Tierexperimenten mit „vermenschlichten“ Tieren zum späteren Zweck der Organzüchtung in Tieren und der Übertragung auf den Menschen („Xenotransplantation“) ausdrücklich befürwortet – jedenfalls solange Embryonenschutz- und Tierschutzgesetz streng eingehalten werden.

          Wie Nakauchi von der Universität Tokio mitteilte, sollen die Mäuse- und Rattenschimäre in den Experimenten allerdings vorerst noch nicht ausgetragen werden. Vielmehr will man sie so lange im Körper des Ammentieres wachsen – bei Nagern 14 bis 15 Tage – lassen, bis alle Organe ausgebildet sind, und dann die Föten herausnehmen. Auch Schweine, die später verwendet werden, sollen vor der Geburt der Tiere spätestens am siebzigsten Tag der Entwicklung entnommen und getötet werden.

          Die Erzeugung von Schimären für die Medizinforschung ist Jahrzehnte alt. Im Laufe der Zeit wurden ganz unterschiedliche Verfahren entwickelt, die Organe der Tiere für eine mögliche Übertragung auf den Menschen zu designen. Besonders gängig, auch in Deutschland, ist die gentechnische Veränderung der Tiere. Mit modernen „Genscheren“ wie Crispr-Cas werden, die Oberflächenmoleküle der Tierorgane so verändert, dass sie molekular menschlichem Gewebe möglichst ähneln – zumindest keine Abstoßungsreaktion nach der Transplantation hervorrufen.

          An Schweinen als künftige „Organlieferanten“ für schwerkranke Menschen wird auch in Deutschland geforscht.

          Die japanischen Wissenschaftler nutzen für die „Vermenschlichung“ des Tiergewebes sogenannte induzierte – künstlich in der Petrischale aus der Haut oder dem Blut hergestellte – Stammzellen (iPS). Diese Zellen werden in den frühen Tierembryo eingeschleust. Für die Erfindung induzierte Stammzellen hat auch ein Japaner, Shinya Yamanaka, vor sieben Jahren den Medizin-Nobelpreis erhalten. Durch einen gezielten Geneingriff sind die Embryonen in den Experimenten Nakauchis so beschaffen, dass sie aus ihrem eigenen Zellbestand normalerweise keine Bauchspeicheldrüse bilden können. Durch Hinzufügen der menschlichen Stammzellen soll die Bildung des fehlenden Organs (allerdings mit „vermenschlichtem“) Gewebe angeregt werden – und am Ende auch als fertiges Organ im Körper die gewünschte Funktion einer Bauchspeicheldrüse übernehmen. So zumindest die Hoffnung.

          Wie frühere Untersuchungen amerikanischer und britischer Forscher gezeigt haben, könnten sich allerdings die eingeschleusten menschlichen Stammzellen, wenn auch in sehr geringer Zahl, während der Embryonalentwicklung in andere Körperbereiche festsetzen – und sich danach möglicherweise, etwa im Blut, an der Bildung neuer Zellen beteiligen. Bei solchen Versuchen an der Stanford-Universität, die 2017 publiziert wurden, hat man erstmals auch Schweine mit Menschenzellen erzeugt – finanziert mit privaten Geldern, weil der amerikanische Staat solche Schimären-Experimente verbietet. Alle diese noch offenen Fragen um die Brauchbarkeit und Nebenwirkungen vermenschlichter Tierorgane wollen die japanischen Experimente nun in ihren weitergehenden Experimenten angehen. Eine Züchtung von Tieren als „Fabriken für menschliche Organe“ sind noch weit entfernt.

          UPDATE, 31. Juli 17.20 Uhr: Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, der Sozialethiker und Theologe Peter Dabrock, warnte im Gespräch mit dem Nachrichtendienst epd davor, die japanischen Versuche vorschnell zu verurteilen. „„Man denkt vielleicht an Pegasus, Sphinx, Kentauren oder irgendwelche
          Horrormonster aus Hollywood-Trash-Filmen“, sagte Dabrock. Darum gehe es aber überhaupt nicht. Hinter dem Experiment stehe durchaus ein hohes und berechtigtes Ziel, betonte der Theologe.

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