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Herdenimmunität in England? : Ein Floh im Ohr der Pandemiemüden

Londoner Glückseligkeit nach den weiteren Reduzierungen der Kontakteinschränkungen ab Ende März. Bild: EPA

Der 9. April gilt einigen Briten schon als der Tag, an dem das Virus endgültig einknickt: Bevölkerungsschutz erreicht. So sieht es ein Londoner Modellierer, und die Kollegen staunen.

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          Ein Trost ist es kaum, der Prinz ist tot und kommt nicht wieder, doch das Königreich soll dennoch hoffen dürfen: Bye bye Corona.  An diesem 9. April, so sickerte es vor dem schwarzen Tag der Royals durch, „wird eine Schwelle zur Herdenimmunität (von 73,4 Prozent) erreicht“.  Das University College London, UCL, eine Uni immerhin unter den Top zehn in einem Hochschul-Weltranking, ist die Quelle dieser Mitteilung. Und der Verfasser ist Karl Friston, ein Fachmann am UCL für die Kartierung des menschlichen Gehirns und dynamische Modellierung, der finanziell gesehen rechtzeitig im vergangenen Jahr auf den Corona-Zug gesprungen war.

          Dieser wissenschaftliche Dynamiker also, ein Könner am Computer, der mit seinen Algorithmen und Modellen nicht zum ersten Mal das Belohnungszentrum der Briten gezielt adressierte, soll nun also sein Volk aufmuntern. Ein geradezu biblischer Moment. Friston sät gewissermaßen das Senfkorn auf dem Acker aller Pandemie-„Mütenden“. Und auch der Boulevard im Lockdown-geknechteten Land der Krauts hat selbstverständlich die Chance schnell erkannt und seine Liebe zu epidemiologischen Modellen entdeckt. Möge das virtuelle Senfkorn schnell zum Baum heranwachsen, auf dessen Zweigen sich dann alle Vögel des Himmels endlich wieder niederlassen.

          Bis es allerdings so weit ist, braucht es Geduld. Ein Impfwunder liegt bei uns jedenfalls noch keines in der Luft. Damit bleibt uns Zeit, das englische Modell-Wunder in seiner alles in allem doch überaus optimistischen Grundausrichtung sorgfältig abzuklopfen. In den ersten Monaten dieses zweiten Pandemiejahres nämlich, als sich das britische Impfwunder schon abzuzeichnen, gleichzeitig aber auch die Dominanz der viel aggressiveren Variante B.1.1.7  zu realisieren begann, da spuckten sämtliche epidemiologischen Modelle außerhalb des UCL nur gallige Resultate aus. Genau genommen bis Anfang dieser Woche noch mehrten sich die pessimistischen Stimmen zur erhofften Herdenimmunität.

          Immune schützen Nichtimmune

          Herdenimmunität, also Bevölkerungs- oder Gemeinschaftsschutz, wie das in politisch sensiblen Milieus mittlerweile genannt wird, schien fürs Erste nicht mehr zu erreichen. Nicht mit den gefährlicheren Mutanten. Voriges Jahr sah das noch besser aus: Spätestens wenn sechzig, vielleicht siebzig  Prozent der Bevölkerung eine Immunität gegen den Erreger aufgebaut haben, so die Prognosen damals, sollte das Virus nicht mehr in der Lage sein, sich effektiv und schnell genug weiter zu verbreiten. Dem Erreger gehen gewissermaßen die ungeschützten Wirte aus. Die Immunen schützen die Nichtimmunen. Und damit fällt auch der berühmte R-Wert, die Reproduktionsrate des Virus, bei Herdenimmunität unter eins – und zwar dauerhaft.

          Fristons Berechnung – 73, 4 Prozent Bevölkerungsanteil mit Covid-19-Antikörpern im Blut – sollten also ausreichend sein. Auf die Zahl kommt er, wenn er die 47 Prozent der Briten, die bis zum 9. April wenigstens eine Impfdosis erhalten haben, mit jenem Teil der Bevölkerung zusammenzählt, die sich eine Immunität schon auf natürliche Weise erworben haben oder (zum geringeren Teil) eine Art Vorimmunität mitbringen. Überwiegend sind das also die ehemals Kranken und Infizierten, die sich aus den leidvollen ersten drei Pandemiewellen mit den inzwischen 120.000 Toten im Land ergeben haben – und laut neuer Daten des britischen Nationalem Statistikamts inzwischen mehr als eine Million Covid-Langzeitkranke hinterlassen haben.  

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