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Experten zum IPCC-Bericht : „Kann nichts herauslesen, was in irgendeiner Form Optimismus entfacht“

  • -Aktualisiert am

Juli 2021 im Ahrtal: Die größte Überflutungskatastrophe in der jüngeren Geschichte des Landes. Bild: Reuters

Klare Botschaften im neuen IPCC-Bericht: Stärkeres Handeln ist dringend geboten. Eine Zusammenstellung an Expertenstimmen zeigt, dass die Fortschritte der vergangenen Jahre noch nicht ausreichend sind.

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          Am Montag stellte die Arbeitsgruppe zwei des Weltklimarats (IPCC) ihren neuen Sachstandsbericht vor. Wie wird der Bericht, der den Titel „IPCC WG2: Folgen, Anpassung und Verwundbarkeit“ trägt und auf knapp 3700 Seiten den aktuellen Forschungsstand zu Folgen der Klimaerwärmung darstellt, von Experten eingeschätzt? Die Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger zeichne ein „düsteres Bild“, sagt Marco Springmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Oxford. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich der Klimawandel negativ auf unseren Planeten und unsere Gesellschaften auswirkt und ohne konzertierte Maßnahmen zu weitreichenden Störungen führen wird.“ 127 Schlüsselrisiken, unter anderem die Zunahme an Hitzetoten, der Anstieg der Schäden durch Hochwasser und die verminderte Bewohnbarkeit bestimmter Regionen, werden in der Veröffentlichung identifiziert. Das Fazit von Gerhard Reese, Professor für Umweltpsychologie an der Universität Koblenz-Landau: „Ich kann aus dem Bericht nichts herauslesen, was in irgendeiner Form Optimismus entfacht im Sinne ‚es wird moderater als gedacht‘. Tatsächlich macht der Bericht einmal mehr deutlich, dass wir auf vielen Ebenen menschlichen Lebens mit drastischen Risiken werden leben müssen, wenn wir die Erderwärmung nicht begrenzen.“

          „Die wissenschaftliche Neuerung“ des Berichts, sagt Reimund Schwarze, Leiter der AG Klimawandel und Extremereignisse am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig, liege „in der Tiefe der Befassung mit den Auswirkungen auf Ökosysteme, der Biodiversität und deren Auswirkungen auf die Menschheit auf vielfältigen Wirkungspfaden wie Ernährung, Gesundheit und einer wachsenden sozialen Krisenangst.“ Reese betont, wie sich die gegenwärtige Klimaerwärmung auch mental niederschlage: „Vor allem in Bezug auf ‚psychosoziale‘ Effekte wird konkret dargestellt, dass die Klimakrise einen starken negativen Einfluss auf die mentale Gesundheit haben wird – weltweit und vor allem bei besonders vulnerablen Gruppen wie Kindern, Jugendlichen, aber auch Älteren und Vorerkrankten. Sogenannte Klimaangst findet sich heute schon bei vielen jungen Menschen weltweit und ein Hauptziel muss sein, dass diese völlig rationale psychologische Reaktion in Handlungsmotivation überführt wird.“

          Dass die physischen Folgen der Krise im 21. Jahrhundert gleichzeitig eine zentrale Fluchtursache sind, betont Kathleen Hermans, Leiterin der Arbeitsgruppe Globaler Umweltwandel und Migration am UFZ: Es bestehe in der Wissenschaft mittlerweile ein großer Konsens, dass der Meeresspiegelanstieg sowie Wetter- und Klimaextreme „mittel- bis langfristig“ mehr Menschen dazu zwingen werden, ihre Heimat zu verlassen. „Verglichen mit dem vorangegangenen, mittlerweile mehr als sieben Jahre zurückliegen IPCC-Bericht hat sich unser Wissensstand bezüglich des Einflusses von Wetter- und Klimaextreme auf Vertreibung und Abwanderung verbessert. Vor dem Hintergrund des voranschreitenden Klimawandels gibt es somit keine Zweifel an einer Zunahme klimabedingter Vertreibungen.“ Erstmals aufgezeigt werde in dem Bericht, wie vielfältig sich Klimawandelfolgen gegenseitig beeinflussen würden. „Geringere Ernteerträge in tropischen Regionen, verschärft durch eine hitzebedingt geringere Arbeitsproduktivität der ländlichen Bevölkerung, führen zu höheren Nahrungsmittelpreisen und Gesundheitsrisiken durch Mangelernährung“, nennt Hermann Lotze-Campen, Leiter der Forschungsabteilung Klimaresilienz am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), ein Beispiel. Ebenfalls neu sind Äußerungen zu den Auswirkungen sogenannter Overshoot-Pfade: „Auch wenn der Temperaturanstieg nur zeitweise die Marke von 1,5 Grad überschreiten sollte und anschließend wieder gesenkt würde“, sagt Matthias Garschagen, Professor für Anthropogeographie an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), „hätte dies schwerwiegende und teilweise unwiderrufliche Schäden für Ökosysteme und Gesellschaften zur Folge. Gletscher beispielsweise gingen verloren und zusätzliche Arten wären vom Aussterben bedroht.“

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