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Inzucht und Zufall : Das traurige Ende der Neandertaler

Eine menschliche Nachbildung – und Stilisierung – im Neandertal-Museum in Mettmann. Bild: picture alliance / dpa

Hat der moderne Mensch den Neandertaler auf dem Gewissen? Eher nicht. Es brauchte wohl auch gar keine Katastrophen, um unsere Vettern auszurotten. Sie hatten einfach Pech – und ungünstige Partnerschaften.

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          Vom modernen Menschen verfolgt, bekämpft und am Ende auch ausgerottet, so lautet eine der gängigen Thesen über das Aussterben des Neandertalers vor gut vierzigtausend Jahren. Oder war es doch – was vielen moralisch annehmbarer scheint – das Resultat eines kulturellen Verdrängungswettbewerbs, dem der unglückliche Vetter des Homo sapiens in Europa zum Opfer gefallen war? Derlei Thesen kursieren seit Jahrzehnten in der Fachwelt und erst Recht in der Populärliteratur.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Doch schon die jüngsten Entdeckungen von Paläoanthropologen über den mutmaßlichen Einsatz von Ritualen für Begräbnisse und die kunstvolle Gestaltung von Gegenständen und Höhlen, und erst Recht die eindeutigen Befunde über die zumindest vereinzelte genetische Vermischung mit dem modernen Menschen waren Anlass genug, die Vorstellungen über die vermeintlich primitivere, kulturell und kognitiv unterlegene Urmenschenart zu revidieren. Wie auch sollte man sich die Kriege zwischen vielleicht ein paar tausend über Europa verstreuten Neandertalern mit den neu aus Afrika eingewanderten Vertretern des Homo sapiens vorstellen?

          Regional blieben nur kleine Gruppen übrig

          Eine Gruppe holländischer Wissenschaftler hat sich das einmal genauer angesehen. Basierend auf den prähistorischen Funden und der in groben Zügen bekannten Bevölkerungsverteilung der Neandertaler sowie der aus der genetischen Zusammensetzung der Knochen ermittelten Diversität auf dem europäischen Kontinent haben sie zwei Modelle für die mögliche Bevölkerungsentwicklung entworfen und durchgerechnet.

          Nicht mit einbezogen war der Einfachheit halber der durch Homo sapiens vor ein paar Zehntausend Jahren entstehende Zuwanderungsdruck durch Homo-sapiens-Sippen. Und auch die Möglichkeit von schweren Naturkatastrophen – Dürren etwa oder sonst wie ungünstige Klimaveränderungen im Europa von damals. Ergebnis: Selbst ohne solche handfesten Fremdeinwirkungen war es jedenfalls rechnerisch möglich, dass die anfangs stabilen Neandertaler-Populationen nach vielen Jahrzehntausenden des Überlebens am Ende doch kollabierten. Und zwar wahrscheinlich auch dann, wenn der Neandertaler kulturell ähnlich weit entwickelt war wie der Homo sapiens.

          Ein ganz entscheidender Faktor ist bei diesen Berechnungen die Populationsgröße: Es wird angenommen, dass die europäische Neandertaler-Population vor vierzigtausend Jahren aus nicht mehr als ungefähr 3900 Individuen bestanden hatte. Die Neandertaler hatten sich jedenfalls in den Jahrtausenden vor ihrem endgültigen Verschwinden in Südeuropa so weit über den Kontinent verbreitet, dass regional jeweils nur kleine Gruppen übrig waren. So kleine Gruppen haben ein besonders hohes Aussterberisiko.

          Nicht nur, dass die Zahl der Gruppenmitglieder mitunter deutlich schwanken kann – mehr oder wenig zufällig, je nach Lebensverhältnissen und Umweltbedingungen. Die kleinen Gruppengrößen setzen die Population auch einem erheblichen genetischen Risiko aus – dem der Inzucht: Je mehr sich die Individuen innerhalb der Gruppe vermehren, desto größer ist die Gefahr, dass „stille“ krankhafte Veranlagungen zur Ausprägung kommen und die Überlebens- und Reproduktionschancen der Nachkommen schmälern. Diese sogenannte „Inzucht-Depression“ könnte nach dem Dafürhalten der holländischen Wissenschaftler beim Aussterben der Neandertaler tatsächlich eine entscheidende Rolle gespielt haben.

          Ein Schicksal, das nicht zuletzt deshalb besonders tragisch ist, weil auch die teilweise Vermischung mit modernen Menschen nicht die Wende gebracht hat. Vielmehr haben einige genetische Anteile des Neandertalers quasi als molekulare Fossilien im Homo sapiens überlebt – und sind bis heute bei jedem Menschen praktisch nachweisbar.

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