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: Investitionsobjekt Kind

Vor fünf Jahren wurde "Humankapital" von jener Jury zum Unwort des Jahres gewählt, die "Unwort" selbst nicht für ein Beispiel ihres sprachmoralischen Beuteschemas hält. Darin teilte sich ein Missvergnügen an dem mit, was allerorten als Ökonomisierung der Gesellschaft angesprochen wird.

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          Vor fünf Jahren wurde „Humankapital“ von jener Jury zum Unwort des Jahres gewählt, die „Unwort“ selbst nicht für ein Beispiel ihres sprachmoralischen Beuteschemas hält. Darin teilte sich ein Missvergnügen an dem mit, was allerorten als Ökonomisierung der Gesellschaft angesprochen wird. Über den Tatbestand dieser Ökonomisierung herrscht fast eine Art Konsens zwischen den linken und den liberalen Utopisten. Die einen prangern ihn an, den anderen ist er ein Versprechen, einig aber sind sich beide, dass wir nolens volens in Zeiten einer solchen Ökonomisierung leben. Ältere Begriffe wie „Kommerzialisierung“ oder „Industrialisierung“, aber auch „Bürokratisierung“ sind also längst eingeschmolzen.

          Ein Themenheft der Zeitschrift „Berliner Debatte Initial“ (Jg. 20, Nr. 3, 2009) hat jetzt diese Diskussion noch einmal aufgegriffen. Interessant ist darin ein Beitrag der Hallenser Pädagogen Maksim Hübenthal und Thomas Olk, der zeigt, dass die Vorstellung, man müsse frühzeitig „in Kinder investieren“, keinesfalls auf liberale Ökonomen oder Wirtschaftsverbände beschränkt ist. Unverdächtig einer allzu großen Anhänglichkeit an den Kapitalismus, war es vielmehr der schwedische Wohlfahrtsstaattheoretiker Gösta Esping-Andersen, der 2002 im Auftrag der EU eine „kindzentrierte soziale Investitionsstrategie“ vorgeschlagen hat. Die ganze Gesellschaft habe etwas davon, wenn Kinder geboren und mit kognitiven wie praktischen Fähigkeiten ausgestattet werden. Die Zunahme an „verletzlichen Familienformen“ und die hoch ungleiche Ausstattung der Familien mit Vermögen wie Bildungschancen verhindere jedoch, dass die Familien die notwendigen Investitionen selbst vornehmen und vornehmen können.

          Außerdem komme, so Esping-Andersen im Rückgriff auf amerikanische, kanadische und englische Studien, die Verbesserung des Schulsystems immer zu spät. Es seien vorschulische Erfahrungen für die schulische Leistungsfähigkeit grundlegend. Das, meinen die Autoren, werde von einem Wandel in der sozialen Redeweise über Kindheit begleitet. Kinder würden zunehmend als öffentliches Gut beschrieben, zu wertvoll, um sie nur ihren Eltern zu überlassen.

          Allerdings bleiben viele der Investitionsstrategien im Bereich der politischen Phantasie. Denn wo beispielsweise die fast 100 000 zusätzlichen Fachkräfte herkommen sollen, die bis 2013 die Erfüllung der Pläne frühkindlicher Krippenerziehung gewährleisten sollen, ist völlig offen. Auch in anderen Dimensionen ist der Begriff „Humankapital“ nicht aufgrund einer verächtlichen Perspektive auf Menschen problematisch, sondern weil er mit unzulässigen Vereinfachungen einhergeht. So kommt das berühmte „Technologiedefizit der Erziehung“ in Gestalt der Frage zurück, was die Effekte jener Akademisierung des Kindergartenpersonals wären, von der man sich, die entsprechende Anhebung der Gehälter mit vorausgesetzt, eine größere Attraktivität dieses Berufs verspricht. Hat man am Ende die besseren Erzieher oder nur solche, die irrigerweise glauben, sie seien im Besitz von Kompetenztechnologien, und anfälliger für jede Didaktikmode sind?

          Die Wirkungen des Geredes von der Wissensgesellschaft kann schon heute jeder in den Kindergärten erleben. Nicht deren Ökonomisierung ist zu befürchten, sondern die Bewusstseinsvernebelung gegenüber einfachen Tatsachen: dass selbst singen besser ist - nicht: besser klingt! - als singen lassen; dass Malen besser ist als Ausmalen; dass Frühenglisch den allermeisten gar nichts bringt; und dass Diskussionen über „Teamfähigkeit“, „selbstgesteuertes Lernen“, „Sozialkompetenz“ oder „Citizenship-Modell des Kindes“ nur eine Zeitverschwendung sind.

          Mit anderen Worten: Die Vorstellung vom Humankapital legt Steuerungsphantasien nahe, die sich aus einer Mischung aus Verwissenschaftlichung, Kontrolle und hoher Investitionsbereitschaft versprechen, in Erziehungsmilieus könnten ähnliche Effekte erzeugt werden wie in Firmen. Am Ende ist aber der Kindergarten dann weder - wie die einen fürchten und die anderen hoffen - eine Firma oder ein Labor geworden, sondern nur ein Kindergarten, der so tut, als wäre er eine. Dabei sollen ja die Kinder spielen, nicht die Erwachsenen.

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