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Interview : „Wie soll man den Surrealismus verstehen ohne die Psychoanalyse?“

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Wegbereiter der Psychoanalyse: Sigmund Freud Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Inwieweit die Theorien Sigmund Freuds die Psychoanalyse und die Psychotherapie heute beeinflußt und geprägt haben, ist umstritten. Alfred Pritz, Präsident des Weltverbandes für Psychotherapie, nimmt Stellung.

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          Alfred Pritz, Präsident des Weltverbandes für Psychotherapie, hält die Theorien Sigmund Freuds für „brennend aktuell“. Auch heute noch beriefen sich fast alle Psychoanalytiker und Therapeuten auf Entdeckungen, die Freud Anfang des 20. Jahrhunderts gemacht habe, sagte Pritz im Interview. Als einen „Säulenheiligen“ will Pritz, Rektor der neuen Sigmund-Freud-Universität für Psychotherapie in Wien, den Vater der Psychoanalyse aber nicht verstanden wissen.

          Welche Rolle spielen Sigmund Freud und seine Lehre in der Psychoanalyse und -therapie heute weltweit?

          Da ist einmal die Behandelbarkeit von psychischen Störungen durch Beziehungen. Das akzeptiert heute jeder, aber damals war es eine Errungenschaft. Zweitens die Bedeutung des Unbewußten. Es heißt in verschiedenen Schulen zwar anders, etwa das „Nicht- Bekannte“ oder das „Falsch-Gelernte“. Die Freudschen Modelle (Ich, Es und Über-Ich) werden von vielen nicht mehr geteilt. Aber die Tatsache, daß wir von vielem bestimmt werden, von uns nicht bekannten Kräften im Seelenleben, das leugnet eigentlich keiner. Freud hat die Basis gelegt für die heutige Entwicklung, und er hat dadurch, daß er auch ein universales Wissen hatte, nicht nur die Therapie beeinflußt, sondern auch die Kunst und die Literatur und die Erziehung. Er hat gesellschaftliche Prozesse erklärt und das Fundament für viele Prozesse gelegt, die heute noch andauern. Wie soll man den Surrealismus verstehen ohne die Psychoanalyse?

          Ist Freud noch das Fundament für die Psychoanalyse?

          Na ja, ich würde Freud jetzt nicht verherrlichen als einen Halbgott oder Gott. Er war ein Empiriker. Er hat auch immer wieder seine Forschungen revidiert. Er war auch in diesem Sinne ein seriöser Forscher. Wenn man ihn in den Status eines Säulenheiligen erhebt, dann tut man sowohl ihm Unrecht als auch der Psychoanalyse. Denn worum wir uns bemühen, ist ja eine wissenschaftliche Grundlage dieser Arbeit, und in dieser Tradition sollte Freud gesehen werden: Als ein wesentlicher Forscher in diesem Sektor im 20. Jahrhundert. Es gab viele Forschungen bereits im 19. und 18. Jahrhundert. Das wird in dieser Diskussion oft vergessen. Freud hat vieles davon aufgegriffen und eingebaut in sein Werk. Und auch nach ihm gab es viele, die Wichtiges beigetragen haben.

          In der Psychoanalyse und -therapie gibt es eine Vielzahl rivalisierender Richtungen. Welche Auswirkungen hat dies für die Zukunft der Therapie?

          Natürlich gibt es diese Lager, oder auch Schulen, weil die Welt der Psychotherapie auch etwas mit Weltanschauung zu tun hat. Auch der Weltanschauung der Patienten. Und daher beschäftigen sich Psychotherapeuten der unterschiedlichen Richtungen auch mit ihren Weltanschauungen, mit ihren eigenen Theorien über seelische Gesundheit, Krankheit, Beziehungen. Aber was man früher als Makel empfand, würde ich heute als einen Reichtum definieren. Es gibt nämlich sehr wohl Patienten, die mit unterschiedlichen Methoden unterschiedlicher therapeutischer Schulen besser behandelt werden können als mit einer Einheitsschule. Wir haben zum Beispiel an unserer Universität Vertreter von acht verschiedenen psychotherapeutischen Schulen, hier entwickelt sich ein fruchtbarer Dialog: Wir versuchen, voneinander zu lernen.

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