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Wissenschafts-Skandal : Von den Stammzellen bleiben nur Tränen

Haruko Obokata in der Pressekonferenz: Berufung abgelehnt. Bild: dpa

Elf Nieten und ein Haufen Manipulationen: Das Spektakel um Stammzellen aus dem Säurebad wird immer kurioser. Und die großen Namen schweigen. Rudolf Jaenisch vom MIT redet im F.A.Z.-Interview Klartext und hat eine klare Forderung an die Verantwortlichen.

          Es ist eine Hinrichtung auf Raten, aber eigentlich ist das schon fast zweitrangig. Denn nicht nur, dass sich der Zauber um die vermeintlich revolutionären STAP-Stammzellen aus dem Säurebad, die ein japanisches Spitzenlabor Ende Januar der Welt präsentiert hatte, in Nichts aufzulösen droht und nur noch Betrugsvorwürfe zurückbleiben. Jetzt sind auch einige große Namen der Wissenschaft dran.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Das Schweigen der Harvard-Universität und das Zaudern der „Nature“-Redaktion, auf den vermeintlich mit verantworteten Skandal zu reagieren, bringt die Wissenschaftsgemeinde zunehmend in Rage. Sollte die ganze Schuld tatsächlich an der 30jährigen Haruko Obokata hängen bleiben, die bei ihren Pressekonferenzen schon kämpfen muss, ganze englische Sätze herauszubringen? Von ihren Mentoren und Mitautoren jedenfalls kann sie derzeit keine Unterstützung erwarten. Auch das Riken-Institut für Entwicklungsbiologie in Kobe gibt sich unnachgiebig und alles andere als selbstkritisch (Stellungnahme und Bericht hier): Obwohl inzwischen mindestens vier Mitglieder der Obokata-Untersuchungskommission selbst  im Verdacht stehen, in Veröffentlichungen selbst Abbildungen manipuliert zu haben,  hat die Kommission die Berufung Obokatas nach dem Urteil gegen sie abgelehnt.  Ihr wissenschaftliches Fehlverhalten ist aktenkundig.  Welche Konsequenzen das hat, ist noch offen. Auch das Magazin „Nature“, das die beiden umstrittenen STAP-Paper veröffentlicht hat, hat trotz der festgestellten Manipulationen und Kopien von Abbildungen bisher nicht reagiert. Klar ist nur: Der eine oder andere Hinweis von Gutachtern, mit dem Paper könnte etwas nicht stimmen, war schon Mitte 2012 bei den Autoren eingegangen, als die Veröffentlichung von Reviewern der Zeitschrift „Science“ abgewiesen worden war. 

          Abbildung aus dem Lee-Paper: Milzzellen, die im Säurebad reprogrammiert werden sollten: Die rote Färbung zeigt, dass die Zellen abgestoben sind. Die grüne Färbung signalisiert Autofluoreszenz - ein Artefakt.

          Was die Versuche angeht, in unabhängigen Labors die STAP-Stammzellen herzustellen, hat der kalifornische Stammzellexperte und -Blogger Paul Knoepfler inzwischen elf Berichte gesammelt. Zwischenbilanz: Elf Fehlversuche. Der jüngste ist in dem Open-access-Journal „F1000Research“ erschienen. Kenneth Ka Ho Lee von der Hong Kong University hat auch mit dem aktualisierten Laborprotokoll keine STAP-Zellen hergestellt. „Autofluoreszenz“ - ein Artefakt bei der Kultivierung und Identifizierung der Zellkulturen - scheint der derzeit plausibelste Grund für die nicht reproduzierbaren Ergebnisse Obokatas.

          Zu denen, die mit eigenen Versuchen scheiterten, selbst Säure-Stammzellen zu erzeugen, zählt Rudolf Jaenisch. Wir haben ihn im Whitehead Institute am Massachusetts Institute of Technology (MIT) zu dem Fall Obokata befragt. Jaenisch ist einer der erfahrensten und angesehendsten Gen- und Stammzellforscher.

          Rudolf Jaenisch im Hörsaal des Whitehead Institute.

          Gibt es für Sie Indizien, dass es die STAP-Zellen doch geben könnte?

          Bisher nicht. Die Geschichte ist merkwürdig. Als beide Arbeiten von Obokata  veröffentlicht wurden, glaubten wir, das kann nicht sein. Aber dann waren da doch sehr gute Autoren wie Wakayama, Niwa und Sasai auf dem Paper. Mein Gedanke war:  Da muss ja da doch was dran sein. Dann hat auch noch Austin Smith in „Nature“ einen positiven Kommentar geschrieben. Er muss der Gutachter für die beiden Paper gewesen sein, dachte ich. Das musste man ernst nehmen. Dann ging alles sehr schnell. Schon nach zwei Wochen hat sich herausgestellt, dass es alles Autofluoreszenz war, das man da gesehen hat. Wakayama hat ja auch sehr schnell kalte Füße gekriegt, die Pressekonferenz einberufen und gemeint, die Paper müssten zurückgezogen werden. Die anderen Autoren haben allerdings nicht mehr kommuniziert, auch das war sehr merkwürdig. Von Hitoshi Niwa kam noch ein zweites Protokoll, das sehr modifiziert war. Es funktionierte wieder nicht. Niwa hat also seinen Namen zweimal darunter gesetzt. Er wird doch kein Protokoll losschicken, dachte ich, ohne die Versuche selbst gemacht zu haben. Dann kam ein drittes Protokoll von Charles Vacanti aus Harvard, das völlig daneben war. Schließlich kam kürzlich von Obokata ein viertes Protokoll. In der Pressekonferenz hat sie einem japanischen Journalisten gesagt, sie habe das Experiment  zweihundert Mal gemacht. Auf die Frage allerdings, wie sie es genau macht, meinte sie dann: Das sage ich erst, wenn es publiziert ist. Das ist doch wie im Kindergarten, oder nicht?

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