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Profitstreben in Kliniken : Das fatale Sterben „der Inneren“

  • -Aktualisiert am

Allgemeinmediziner betreuen die „teuersten“ Patienten. Bild: dpa

Hauptsache lukrativ: Immer mehr Kliniken schließen ihre Allgemein-internistischen Stationen zugunsten von Spezialisten. Leidtragende sind multimorbide Patienten – ausgerechnet deren Zahl aber wächst weiter. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Die wichtige Rolle des niedergelassenen Allgemeinmediziners ist unbestritten: Er ist erster Ansprechpartner bei gesundheitlichen Problemen, hat den besten Überblick über den Gesundheitszustand des Patienten und erfüllt eine wichtige Portalfunktion, indem er Patienten gezielt an Fachärzte überweist. Mit Zulassung einiger Ausnahmen – so können beispielsweise Vorsorgetermine direkt beim Frauen- oder Hautarzt vereinbart werden – hat sich dieses Prinzip als sinnvoll und richtig erwiesen.

          In deutschen Krankenhäusern ist fatalerweise ein diametral entgegengesetzter Trend im Gang. Allgemeine internistische Kliniken werden zugunsten hochspezialisierter Abteilungen reduziert oder abgebaut. Diese Entwicklung ist im Wesentlichen ökonomisch getrieben. Die Vergütung für einzelne hochspezialisierte Leistungen ist oft lukrativ. Die Versorgung von multimorbiden Patienten, die idealerweise auf einer allgemein-internistischen Abteilung eine komplexe stationäre Behandlung erhalten, erfolgt hingegen oft nicht kostendeckend.

          Etwa 20 Prozent der Menschen im Land haben mehrere akute oder chronische Krankheiten – sie sind multimorbide. Unter den rund 20 Millionen Patienten, die 2016 stationär behandelt werden mussten, liegt der Anteil noch deutlich höher. Bis zu neunzig Prozent der in internistischen Kliniken behandelten Menschen sind mehrfach erkrankt. Doch bei der Behandlung steht oft nur die Krankheit im Vordergrund, die Anlass für den Krankenhausaufenthalt war.

          Krankheiten werden übersehen

          So mehren sich Fälle, bei denen Patienten Eingriffe bei optimiert kurzer Liegezeit im Krankenhaus erhalten, gleichzeitig aber andere Erkrankungen, die nicht Teil des Fachgebiets der Abteilung sind, übersehen werden. Ein Beispiel: Bei einem Raucher führen Ärzte eine Herzkatheteruntersuchung mit Einlage von Stents in die Herzkranzgefäße durch. Danach ist eine sechsmonatige Blutverdünnung erforderlich. Das bestehende Bronchialkarzinom jedoch wird übersehen, weil es aufgrund der Blutverdünnung nun nicht feingeweblich abgeklärt und behandelt werden kann.

          Multimorbide Patienten mit häufig mehreren Volkskrankheiten machen einen immer größeren Anteil aus. Das Zusammentreffen verschiedener Erkrankungen erfordert komplexe Behandlungsstrategien. Der Gang zum Haus- oder Facharzt reicht dann oft nicht mehr aus. In welche Klinik aber weist der Arzt diese Patienten ein? Hochspezialisierte Einrichtungen fühlen sich nicht zuständig. Allgemein-internistische Kliniken wären dafür prädestiniert, doch sie sind und werden immer mehr zur Mangelware. Als Konsequenz bleibt daher nur die Einweisung an die zentrale Notaufnahme eines Krankenhauses. Soll man doch dort entscheiden, wo der multimorbide Patient am besten aufgehoben sein könnte.

          Überlastete Notaufnahmen

          Die Einweisung in die zentrale Notaufnahme trifft die Krankenhäuser an einem besonders empfindlichen Punkt. Denn die Notaufnahmen sind ohnehin schon völlig überlastet. Da allgemein-internistische Abteilungen aus ökomischen Gründen an immer mehr Krankenhäusern fehlen, beginnt dann in den ohnehin übervollen Notaufnahmen ein hektisches Telefonieren, welche Station oder Klinik den Patienten aufnehmen könnte. Die Suche dauert statistisch mindestens einen Tag. So geht bei der Versorgung des Patienten wertvolle Zeit verloren. Dieses Treiben nennt sich heute „Case-Management“. Letztendlich ist es der hilflose Versuch, mit einem Notstand zurechtzukommen, der sich aus der zunehmenden Spezialisierung der Krankenhausabteilungen ergeben hat.

          Die aktuellen gesundheitspolitischen Pläne, die Notaufnahmen zahlenmäßig zu verringern, dafür jedoch qualitativ zu verbessern, verschärfen die Situation weiter. Zwar kann die Zentralisierung von Notaufnahmen das klinische Spektrum erweitern und die Versorgungsqualität verbessern. Allerdings werden die Notaufnahmen insbesondere an jenen Kliniken geschlossen, die bislang noch allgemein-internistische Abteilungen betreiben. In Krankenhäusern der Maximalversorgung, die bereits einen hohen Grad an Spezialisierung ihrer Abteilungen aufweisen, werden die Notaufnahmen ausgebaut. Das heißt: Genau in diesen Häusern wird es immer schwieriger, mehrfach erkrankte Patienten angemessen zu behandeln. Eine dramatische Unterversorgung ist vorprogrammiert.

          Fallpauschalen anpassen!

          Was ist zu tun? Das Diktum einer Portalfunktion, wie sie die Hausarztmedizin im ambulanten Sektor hat, muss auf den stationären Bereich übertragen werden. Kliniken sollten verpflichtend Abteilungen für Allgemeine Innere Medizin vorhalten, in Analogie zu den chirurgischen Fächern. Allgemein-internistisch ausgebildete Ärzte sind in besonderer Weise dafür geeignet, Patienten mit vielfältigen Einschränkungen und Krankheiten zu verstehen und zu behandeln. Die Viszeralmedizin spielt hierbei eine entscheidende Rolle: Das Fach, das sich mit sämtlichen Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten beschäftigt, deckt ein großes Spektrum an Erkrankungen ab.

          Am Ende geht es jedoch auch bei diesem Problem ums Geld. Die vielzitierte gesamtheitliche Krankenversorgung muss der hochspezialisierten, selektiven Versorgung gleichgestellt werden, vor allem finanziell. Dazu wird es notwendig sein, die Fallpauschalen, nach denen Krankenhäuser ihre Leistungen abrechnen, mit Blick auf die Behandlung multimorbider Patienten anzupassen. Außerdem ist es zu kurz gesprungen, die Zahl der Notaufnahmen zu reduzieren. Die Zahl der Krankenhäuser insgesamt muss gesenkt werden. Jedes Krankenhaus sollte dann aber zwingend stationäre Behandlungseinheiten und Kompetenzen vorhalten müssen, die den mehrfach erkrankten Patienten in unserem Gesundheitssystem gerecht werden können.

          Der Autor

          Der Autor ist geschäftsführender Direktor des Zentrums der Inneren Medizin und Direktor der Medizinischen Klinik I, Universitätsklinikum Frankfurt.

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