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Feinstaub-Debatte : Internationale Forscher widersprechen deutschen Lungenärzten

Von nichts kommt nichts. Feinstaubalarm in Stuttgart. Bild: dpa

Im deutschen Streit um Grenzwerte für die Luftreinhaltung beziehen jetzt Lungenmedizin-Verbände aus aller Welt Stellung. FAZ.NET dokumentiert exklusiv das gemeinsame Papier von vierzehn internationalen Fachleuten.

          3 Min.

          Der Bundesverkehrsminister freut sich und mit ihm die Autoindustrie und der ADAC: Eine kleine, aber laute Minderheit von Lungenärzten, hundert von viertausend Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, hat sich auf ihre Seite geschlagen und die wissenschaftlichen Grundlagen von lange bestehenden Grenzwerten für Stickoxide und Feinstaub infrage gestellt – nicht, weil bahnbrechende neue Ergebnisse zu den Gesundheitsgefahren von Luftschadstoffen vorliegen, sondern weil ihnen die drohenden Dieselfahrverbote nicht passen, die nach Nichteinhaltung der europäischen Standards von deutschen Richtern angeordnet wurden. Viele Menschen hat der Vorstoß der Lungenärzte verunsichert, Mediziner fürchten um ihre Glaubwürdigkeit, weil für sie der Gesundheitschutz an erster Stelle stehen sollte. Der klinische Lungenarzt Tobias Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover, derzeit Präsident der europäischen Pneumologen-Gesellschaft, hat mit 14 Repräsentanten des International Forum of Respiratory Societies FIRS, dem weltweiten Zusammenschluss der führenden Gesellschaften für Lungengesundheit mit mehr als 70.000 Mitgliedern, eine Stellungnahme ausgearbeitet, die wir hier dokumentieren:

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          „Das Forum der Internationalen Lungengesellschaften, FIRS, stimmt den nationalen deutschen Standards, den europäischen Standards und denen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu und widerspricht damit der Gruppe der deutschen Lungenfachärzte, die sich für eine Aufweichung der Grenzwerte ausgesprochen hatten. Nach Angaben der WHO ist die Schadstoffbelastung der Luft für 4,2 Millionen jährliche Todesfälle verantwortlich. Obwohl die Lunge am stärksten von der Luftverschmutzung betroffen ist, werden durch diese auch andere Organsysteme geschädigt und chronische Erkrankungen verschlechtert. Akute Effekte zeigen den sichtbarsten Effekt, Langzeitexposition erzeugt hingegen chronische Veränderungen, die langfristig tödlich sein können: Krebs, Herzkrankheiten, Schädigungen des Neugeborenen und Demenz sind mit Luftverschmutzung assoziiert, dafür sind vor allem Partikel mit einem Durchmesser unter 2,5 Mikrometern (PM2,5) und andere Dieselabgase verantwortlich.

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