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„Die Debatte“: Intelligenz : Schlau geboren oder schlau geworden?

  • -Aktualisiert am
Die Genfäden sind an der DNA-Doppelhelix aufgereiht. Viele der epigenetischen Veränderungen dieses „Textes“ durch die Umwelt geschehen nachträglich.

Auch der Psychologe Prof. Dr. Detlef Rost von der Philipps-Universität Marburg betont diesen Zusammenhang: „Genetische Faktoren können durch die Umwelt verstärkt werden. Als Kind intelligenter Eltern habe ich eventuell einen kleinen genetischen Vorteil, aber vor allem wachse ich in der Regel in einer förderintensiveren Umwelt auf und habe dadurch einen entscheidenden Vorteil. Das ist auch ein Grund, warum der genetische Anteil an der Intelligenz später immer bedeutsamer wird, während er bei Kindern noch bei nur 30 Prozent liegt”.

Welche Rolle spielt die Familie?

Neben der familiären Umwelt spielen aber auch Umweltfaktoren eine Rolle, die über das Elternhaus hinausgehen. Zu diesen könnten beispielsweise das Bildungssystem oder Entwicklungen in der Medienlandschaft gehören. Dass auch solche Faktoren eine Rolle spielen, konnte kürzlich von einem Forscherteam um Ole Rogeberg von der Universität Oslo erstmals gezeigt werden. Er wies nach, dass der sogenannte reversive Flynn-Effekt, auch bei Brüdern, die in der gleichen Familie aufwachsen, vorherrscht. „Das kann nur der Fall sein, wenn das Elternhaus nicht die einzige Umwelt ist, die für die Intelligenzentwicklung eine Rolle spielt”, sagt Rogeberg. „Unsere Ergebnisse legen also nahe, dass neben der familiären Umwelt auch noch Faktoren eine Rolle spielen, die außerhalb dieses liegen”. In welcher Art und Weise diese Faktoren die Ausbildung von Intelligenz genau beeinflussen, gilt es nun genauer zu analysieren.

Wichtig ist das vor allem, um Entscheidungen darüber treffen zu können, wie man Menschen am Besten fördert. „Während ich die Genetik nicht wirklich beeinflussen kann, kann ich bei den Umweltfaktoren natürlich einiges bewegen”, sagt Rainer Riemann. „Hier gilt es vor allem bildungspolitisch aktiv zu werden und Talente individuell zu fördern, vor allem da, wo die Förderung im Elternhaus nicht gegeben ist”.

  • Der Flynn-Effekt: Der neuseeländische Politologe James R. Flynn stellte 1984 fest, dass das durchschnittliche Ergebnis bei IQ-Tests seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Industriestaaten über die Jahre stieg und dadurch die durchschnittliche Intelligenz in der gesamten Bevölkerung zunahm. Dieses Phänomen wurde im Nachhinein nach dem Entdecker benannt.

Wie mit begabten Kindern umgehen?

Erst kürzlich ging wieder das Bild eines außergewöhnlichen Kindes um die Welt: Der achtjährige Laurent aus den Niederlanden hat gerade sein Abitur bestanden und möchte jetzt im Herbst ein Mathematikstudium beginnen. Mit einem IQ von 145 gehört er statistisch gesehen zu den intelligentesten 0,1 Prozent seiner Altersgruppe. Als hochbegabt würde er bereits mit einem IQ von über 130 gelten. Ein Wert, den nur zwei Prozent der Menschen in einem IQ-Test erreichen.

Der acht Jahre alte Laurent Simons hat einen IQ von 145.

Eine so rasante Schullaufbahn wie Laurent haben allerdings die wenigstens hochbegabten Kinder. Es kommt zuweilen sogar vor, dass Hochbegabte gar nicht durch gute Schulleistungen auffallen. „Ungefähr 15 Prozent von ihnen sind sogenannte ,Underachiever’, deren Leistungen in der Schule deutlich unter dem Durchschnitt liegen”, sagt der Psychologe Detlef H. Rost, der an der Philipps-Universität Marburg und der Universität Südwestchinas in Chongqing lehrt. Zudem komme es vor, dass sich hochbegabte Kinder an das Leistungsniveau in ihrem Umfeld anpassen. „Besonders bei Mädchen ist das dokumentiert. Im Kindergarten malen sie Strichmännchen wie alle anderen auch und zu Hause malen sie die Prinzessin mit Krone, Kleid und Schmuck“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Dagmar Bergs-Winkels von der HAW Hamburg, die sich mit Begabungsförderung in der frühkindlichen Bildung beschäftigt.

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