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Integrative Medizin : Vom Gebot zur alternativen Heilkunst

Gutes Konzentrationsvermögen steigert nicht nur die Leistungsfähigkeit Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Schulmedizin kann gut ohne, aber ihr fehlt manches, was gute Alternativmedizin vermag. Einflussreiche Mediziner haben das verstanden und bauen Brücken.

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          Eine Medizin, die das Leiden nicht abstrahiert, sondern "dem Patienten sein individuelles Gesicht wieder gibt", eine, die den Patienten "lehrt zu schwimmen" statt "den Ertrinkenden bloß zu retten versucht", eine auch, "die nicht nur fragt, ob der Mensch noch am Leben ist, sondern wie dieser im Leben steht" - sollte man es sich leisten, auf eine solche Medizin zu verzichten? Volker Diehl, einer der weltweit führenden Hämatologen, Universitätskliniker und Krebsforscher, ein ausgewiesener Schulmediziner also, von dem diese Zitate stammen, hat eine klare Meinung: Nein, solche Heilkunst möge ein "substantieller Teil der Krebsmedizin von morgen werden". Vorgebracht hat der Kölner Arzt die Litanei der Schmeicheleien am Wochenende vor einem Publikum, das man in seinen Kreisen vor ein paar Jahren noch bestenfalls als medizinische Glücksritter bezeichnet, schlimmstenfalls als Quacksalber den Rücken zugedreht hätte.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Nun aber stand er da, auf dem Europäischen Kongress für integrative Medizin und sang das Hohelied der alternativen Heilkunst. Ein Plädoyer, wie es wohl selten so eloquent vorgetragen wurde für Yoga und Pflanzenmedizin, für Mind-Body-Medizin und Akupunktur und all die vielen anderen Heilverfahren, die unter dem Begriff "komplementär" zusammengefasst werden, weil Bürokraten verhindern wollten, dass die Heilverfahren als wirkliche Alternative für die westliche - die Schulmedizin - aufgefasst werden.

          "Wir sind sehr glücklich mit den Errungenschaften der molekularen Medizin. Aber unsere Patienten suchen vor allem nach Gesundheit, der Berührung des Doktors und der komplementären Medizin." Volker Diehl, das war bei seinem Erföffnungsvortrag am Virchow-Klinikum in Berlin nicht zu überhören, ist die Schizophrenie des modernen Medizinbetriebs leid. Zwei Drittel der Krebspatienten und noch viel mehr bei banaleren Leiden versuchen, oft ohne profesionelle Begleitung, ihre Krankheit mit alternativen Verfahrens zu lindern. Sie hoffen auf die Rationalität der Schulmedizin, doch sie gewinnen Kraft aus ihrem Glauben an die Kunst und die Erfahrung der Heiler. "Was also sollen wir tun?" fragte Diehl, als ob er die Antwort da nicht längst selbst schon geliefert hätte: "Brücken bauen müssen wir."

          Die Rede des Hämatologen war nicht einfach ein Dialogversuch, keine neue Friedensinitiative zwischen den Lagern von etwa vierzigtausend alternativ praktizierenden und gut zehnmal so vielen konventionell behandelnden Ärzte. Was da sichtbar wurde, war vielmehr der beeindruckende Versuch zu erklären, warum es geradezu geboten ist, die positiven Effekte des nachweislich wirksamen Teils der Erfahrungsmedizin im Praxisalltag zu nutzen. Diehl hat in Köln vor ein paar Jahren das "Haus Lebenswert" gegründet, ein, wie es offiziell heißt, psychoonkologisches Zentrum, in dem alternative Methoden fester Teil der Behandlung sind.

          Diehl ist keineswegs der einzige hochkarätige Kliniker und Forscher, der sich, wie er sagte, "aus dem Nebel der neunziger Jahre befreite" und seine Fortschrittsphilosophie verändert. Kommenden Monat wird Francis Collins, Direktor der amerikanischen National Institutes of Health (NIH) und Chef des internationalen Humangenomprojektes auf dem Kongress der amerikanischen Society for Integrative Medicine sprechen. Die Botschaft könnte wie bei Diehl lauten: Nutzen wir die erfolgreichen Konzepte der einen mit den guten Seiten der anderen Medizin.

          Es war die naturwissenschaftliche Medizin, die das Konzept der "individualisierten Medizin" neu definiert hat. Sie will die Patienten künftig maßgeschneidert und passend zum persönlichen Genom eines Patienten therapieren. Allerdings verstehen viele Patienten unter individualsiert vor allem dies: Individuelle Betreuung. Eine Arbeit für mehr Lebensqualität statt nur für mehr Lebenstage. Ein Ziel, das in den Vereinigten Staaten inzwischen an fast allen großen Krebszentren etabliert ist - in dem Land, in dem die Menschen bei aller Industrialisierung der Biomedizin inzwischen 33,9 Milliarden Dollar für alternative Medizinprodukte im Jahr ausgeben und in dem die NIH mittlerweile 290 Millionen Dollar jährlich für Forschungen in der integrativen Medizin investieren. Der Berliner Gastredner vom Sloan Kettering Cancer Center in New York, Gary Deng, nannte beispielgebend 43 Studien, die allein für Wirkungsstudien von Grünem Tee in der Onkologie gestartet wurden. Die meisten Zugriffe auf die Informationsdatenbank seines Krebszentrums gibt es nicht wegen neuer Krebsmittel, sondern auf die 215 Heilkräuterseiten. Deng: "Die integrative Medizin expandiert überall." Der Grund ist einfach. Wunder der Schulmedizin bleiben auch in der Genomära selten.

          Die großen standardisierten Patientenstudien, so hat es der Essener Homöopathie-Experte Gustav Dobos in Berlin beschrieben, beweisen vieles, nur selten die Alltagstauglichkeit einer Therapie. Diehl sieht das offenbar ähnlich: "Mit den randomisierten kontrollierten Studien finden wir nicht zwangsläufig das Richtige für unsere individuellen Patienten, wir mitteln damit nur ihre individuellen Differenzen." Wer wollte es leugnen. Als die sinnvolle Medizin erweist sich deshalb im Zweifel die, die wirkt, weil sie beim Patienten ankommt, seine Selbstheilungskräfte stärkt - und mit der er sich am Ende oft schon deshalb besser fühlt. Eine Medizin also, die sich nicht von der irrigen Erwartung des ständigen Gelingens her definiert, sondern in dem Bewusstsein um die ständigen Gefahren des Scheiterns agiert. Der Beschluss der Bundesärztekammer vor Monaten, Scheinmedikamente - Plazebos - in diesem Sinne stärker in die Behandlungen zu integrieren, war ein Schritt in diese Richtung. Gibt es demnach also womöglich sogar eine moralische Pflicht, alternative Heilkünste zu fördern?

          "Objektivieren wir nicht nur die Leiden, sondern hören wir auf unsere Patienten", rief Diehl in die Berliner Runde. Das war ein starkes Signal. Diejenigen, an die sein Appell freilich gerichtet war, waren im Audimax der Charité in der Minderzahl. In den Kliniken und Praxen sind sie immer noch eine Mehrheit. Die kritische Masse.

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