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Integrative Medizin : Vom Gebot zur alternativen Heilkunst

Diehl ist keineswegs der einzige hochkarätige Kliniker und Forscher, der sich, wie er sagte, "aus dem Nebel der neunziger Jahre befreite" und seine Fortschrittsphilosophie verändert. Kommenden Monat wird Francis Collins, Direktor der amerikanischen National Institutes of Health (NIH) und Chef des internationalen Humangenomprojektes auf dem Kongress der amerikanischen Society for Integrative Medicine sprechen. Die Botschaft könnte wie bei Diehl lauten: Nutzen wir die erfolgreichen Konzepte der einen mit den guten Seiten der anderen Medizin.

Es war die naturwissenschaftliche Medizin, die das Konzept der "individualisierten Medizin" neu definiert hat. Sie will die Patienten künftig maßgeschneidert und passend zum persönlichen Genom eines Patienten therapieren. Allerdings verstehen viele Patienten unter individualsiert vor allem dies: Individuelle Betreuung. Eine Arbeit für mehr Lebensqualität statt nur für mehr Lebenstage. Ein Ziel, das in den Vereinigten Staaten inzwischen an fast allen großen Krebszentren etabliert ist - in dem Land, in dem die Menschen bei aller Industrialisierung der Biomedizin inzwischen 33,9 Milliarden Dollar für alternative Medizinprodukte im Jahr ausgeben und in dem die NIH mittlerweile 290 Millionen Dollar jährlich für Forschungen in der integrativen Medizin investieren. Der Berliner Gastredner vom Sloan Kettering Cancer Center in New York, Gary Deng, nannte beispielgebend 43 Studien, die allein für Wirkungsstudien von Grünem Tee in der Onkologie gestartet wurden. Die meisten Zugriffe auf die Informationsdatenbank seines Krebszentrums gibt es nicht wegen neuer Krebsmittel, sondern auf die 215 Heilkräuterseiten. Deng: "Die integrative Medizin expandiert überall." Der Grund ist einfach. Wunder der Schulmedizin bleiben auch in der Genomära selten.

Die großen standardisierten Patientenstudien, so hat es der Essener Homöopathie-Experte Gustav Dobos in Berlin beschrieben, beweisen vieles, nur selten die Alltagstauglichkeit einer Therapie. Diehl sieht das offenbar ähnlich: "Mit den randomisierten kontrollierten Studien finden wir nicht zwangsläufig das Richtige für unsere individuellen Patienten, wir mitteln damit nur ihre individuellen Differenzen." Wer wollte es leugnen. Als die sinnvolle Medizin erweist sich deshalb im Zweifel die, die wirkt, weil sie beim Patienten ankommt, seine Selbstheilungskräfte stärkt - und mit der er sich am Ende oft schon deshalb besser fühlt. Eine Medizin also, die sich nicht von der irrigen Erwartung des ständigen Gelingens her definiert, sondern in dem Bewusstsein um die ständigen Gefahren des Scheiterns agiert. Der Beschluss der Bundesärztekammer vor Monaten, Scheinmedikamente - Plazebos - in diesem Sinne stärker in die Behandlungen zu integrieren, war ein Schritt in diese Richtung. Gibt es demnach also womöglich sogar eine moralische Pflicht, alternative Heilkünste zu fördern?

"Objektivieren wir nicht nur die Leiden, sondern hören wir auf unsere Patienten", rief Diehl in die Berliner Runde. Das war ein starkes Signal. Diejenigen, an die sein Appell freilich gerichtet war, waren im Audimax der Charité in der Minderzahl. In den Kliniken und Praxen sind sie immer noch eine Mehrheit. Die kritische Masse.

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