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Soziologie im Unterricht : Wo Inklusion zur Selbst-Exklusion führt

  • -Aktualisiert am

Ein Junge im Rollstuhl während des Schulunterrichts. Auch beim Thema Inklusion herrscht in der Bildungspolitik der Bundesländer keine einheitliche Vorgehensweise. Bild: dpa

Stehen unterschiedliche Konzepte zur Wahl, verändert sich das Bildungs- und Sozialmilieu: Besserverdiener schicken ihre Kinder dann auf Schulen ohne Inklusion.

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          Führt soziale Inklusion zu sozialer Exklusion? Riskiert, wer Gleichheit erreichen will, verstärkt, Ungleichheit zu erzeugen? Für die Soziologie sind das zentrale Fragen. Nehmen wir die Erziehung: Das Schulwesen in Deutschland soll möglichst gleiche Bildungschancen für alle Kinder ermöglichen, muss aber gleichzeitig die Leistungsunterschiede zwischen diesen Kindern erkennen und sie entsprechend gezielt fördern. Vor besonderen Herausforderungen steht diese Förderung bei Kindern mit sonderpädagogischem Förderungsbedarf.

          Die Bundesländer gehen jeweils unterschiedliche Wege: In einigen haben sich alle Schulen dem flächendeckenden Konzept der Inklusion zu verpflichten, in anderen wurden dafür nur bestimmte, besonders geeignete Schulen ausgewählt, die für den Inklusionsunterrichtet entsprechend ausgestattet wurden. Zurzeit ist Rheinland-Pfalz das einzige Bundesland, das dabei nur auf solche Schwerpunktschulen setzt. Die Bildungsforscher Marcel Helbig und Sebastian Steinmetz vom Berliner Wissenschaftszentrum (WZB) stellten fest, dass man über das soziale Umfeld dieser Schwerpunktschulen bisher wenig weiß. Unterschieden sie sich von anderen Schulen, schon bevor sie Inklusionsschulen wurden? Und wie hat sich die soziale Zusammensetzung ihrer Schüler im Zeitverlauf entwickelt?

          Schwerpunktschulen werden gemieden

          Helbig und Steinmetz gingen davon aus, dass zwischen dem Vorliegen eines sonderpädagogischen Förderbedarfs und der sozialen Schichtzugehörigkeit ein enger Zusammenhang besteht. Die Kinder kämen „überproportional aus sozial benachteiligten Haushalten“ und wohnten daher „vorrangig“ in entsprechend sozial schwachen Wohngebieten mit einer ohnehin „herausfordernden Schülerschaft“. Die Forscher wollten wissen, ob die Inklusion die Exklusion fördere: Ob also die Inklusion von sozial schwachen Kindern mit sonderpädagogischem Bedarf dazu führe, dass sozial besser gestellte Kinder ohne diesen Bedarf von ihren Eltern auf andere Schulen geschickt würden, was zu einer Verringerung der sozialen Heterogenität der Schüler an den Schwerpunktschulen führen würde. Schließlich stünden vor allem in den Städten genügend Alternativen im Grundschulbereich zur Wahl, um eine Schwerpunktschule zu meiden. In der Konsequenz, nahmen Steinmetz und Helbig an, würde sich die soziale Segregation des Schulsystems in Rheinland-Pfalz verstärken, was den eigentlichen Leitgedanken der Inklusion, die „Wertschätzung von Heterogenität“ konterkarieren würde.

          Die Schulstatistik von Rheinland-Pfalz lässt über den Anteil der Schülerinnen und Schüler, deren Eltern von der Lernmittelbefreiung profitieren, ausreichende Rückschlüsse auf die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft der Schwerpunktschulen im Vergleich zu den anderen Schulen zu. Ausgewertet wurden diese Daten seit dem Schuljahr 2007/08 bis 2020. Leider, muss man wohl sagen, bestätigten sich die Vermutungen der beiden WZB-Forscher: Schwerpunktschulen entstanden vor allem an Grundschulen, die hauptsächlich von Kindern aus einkommensschwachen Haushalten besucht wurden. Sowohl auf dem Land wie in den Städten zeigten diese Schulen deutlich höhere Quoten an Schülern, die eine Lernmittelbefreiung hatten. An nicht inklusiven Schulen seien diese Quoten im Untersuchungszeitraum jedoch überall zurückgegangen, an den inklusiven Schwerpunktschulen hingegen seien sie gestiegen. Die Etablierung von Schwerpunktschulen hat die soziale Segregation im Grundschulwesen dieses Bundeslandes verschärft, so das Fazit von Helbig und Steinmetz. Das führe an diesen Schulen zu noch ungünstigeren Lernmilieus – mit entsprechenden Folgen für die weitere Bildungsbeteiligung und die Chancengerechtigkeit im dortigen Schulwesen. Und die Inklusion von Kindern mit Behinderung verschärfe die ohnehin beobachtbaren Segregationstendenzen der Schülerschaft und führe damit zur „Abnahme des sozialen Miteinanders“. Inklusion führt also zur Selbst-Exklusion der sozial besser gestellten Schüler.

          Man würde Helbig und Steinmetz aber nicht gerecht, läse man ihren Beitrag als eine Kritik an der Inklusion an sich: Ihnen geht es um die Umsetzung des Konzepts in Rheinland-Pfalz. Die Konsequenz aus ihren Beobachtungen kann daher eigentlich nur lauten, alle Grundschulen zu Inklusionsschulen zu machen. Das hieße allerdings, Eltern die Möglichkeit zu nehmen, ihre Kinder auf nicht inklusive Schulen zu schicken, ihnen somit eine Wahlmöglichkeit zu nehmen. Sie konnten nicht auf Elternbefragungen zurückgreifen, so die Bildungsforscher, und deshalb mit ihren Daten auch nicht zeigen, ob die Schwerpunktschulen von Eltern bewusst gemieden würden. Diese Frage können die Eltern in Rheinland-Pfalz nur selbst beantworten.

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