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Künstliche Intelligenz - Hype? : Die Schnittstelle im Kopf

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Er ist unverzichtbar, damit die von uns verwendeten Wörter ihre geläufige Bedeutung bekommen. Man kann ihn als semantischen Referenzrahmen bezeichnen. Was bedeutet das für die Brille von Herrn Höttges? Ist es möglich, dass sein erträumter Roboter seine Bitte versteht, die Brille zu suchen, und sie findet? Sicher. Kann man sich vorstellen, dass die beiden sich über ihre Erfahrungen mit Brillen austauschen? Auch das ist möglich. Nur wird das Gespräch nicht erbaulich sein. Sie werden systematisch aneinander vorbeireden. Das liegt an den unterschiedlichen Erfahrungsräumen, die ihnen zum Lernen zur Verfügung stehen. Diese Erfahrungsräume sind quantitativ und qualitativ verschieden und das wird so lange so bleiben, wie Roboter Maschinenkörper haben und keinen menschlichen.

Wie versteht ein Roboter Schamgefühle?

Der KI-Forscher Jürgen Schmidhuber glaubt, dass in Zukunft riesigen lernenden neuronalen Netzwerken im Internet Sprache, Video und Text als millionenfach vorhandene Quelle dienen werden. Die Netze können dann Wörter und Bilder in Beziehung setzen und auf der Grundlage dieser Informationen „verstehen“, was etwa eine Brille ist. Das stimmt nur zum Teil. Der Erfahrungsraum des World Wide Web ist weitgehend körperlos - es gibt keine Propriozeption, keinen plötzlichen Adreanalineinschuss, keinen Ekel, kein inneres Glücksgefühl. Im Gespräch könnte sich Herr Höttges mit seinem Roboter also sicher einigen, wie eine Brille aussieht. Aber wie ist es, eine auf der Nase zu haben? Wie soll ein Roboter verstehen, dass ein junger Mensch beim ersten Rendezvous Scham wegen seines Nasenfahrrads empfindet? Oder könnte die Maschine nachvollziehen, dass ein Intellektueller ein expressives Modell mit markantem schwarzen Rand wählt, um den Visionär zu mimen?

Zur gelingenden Kommunikation gehören also vergleichbare Erfahrungsräume, und unser Körper ist ein maßgeblicher Teil eines hochdimensionalen Erfahrungsraums. Das schließt nicht aus, dass intelligentes Verhalten auf der Basis anderer, häufig beschränkterer Erfahrungsräume möglich ist. Das sieht man etwa an leistungsfähigen Schachcomputern. Diese agieren aber nicht zufällig in einem überschaubaren Modelluniversum und können dort ihre Stärke ausspielen. Ob Computern das auch in menschlichen Alltagswelten gelingen wird, bleibt abzuwarten.

Die Entwicklung im Sinne von Stephen Hawking aufmerksam zu beobachten ist in diesem Sinne kein Fehler. Dass aber Computer in naher Zukunft die neuen Einsteins werden und uns intellektuell überflügeln, darf man vorerst bezweifeln.

Der Autor

Marco Wehr ist Physiker und Philosoph in Tübingen. Er beschäftigt sich mit der Beziehung von Körper und Denken sowie Fragen der Berechenbarkeit.

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