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Künstliche Intelligenz - Hype? : Die Schnittstelle im Kopf

  • -Aktualisiert am

Die eigene Identität geht verloren?

Kann man sich vorstellen, was es bedeutet, wenn ein Operateur wie der Italiener Sergio Canavero einen menschlichen Kopf transplantieren will? Das ist eins der gruseligsten Experimente, die man sich vorstellen kann. Canavero möchte einen gesunden Kopf auf den chirurgisch enthaupteten Körper eines kürzlich Verstorbenen setzen, in dem naiven Glauben, dass sich dieser über sein neues Zuhause freut. Leider wird sich der freuende Kopf nach einer Weile selbst nicht mehr wieder erkennen. Wenn man die menschliche Sensorik - Augen, Ohren, Nase - als Interface zur umgebenden Wirklichkeit betrachtet, dann kann man unseren Körper als „Intraface“ unseres Gehirns ansehen. Er konstituiert einen ganz individuellen Erfahrungsraum. Und in diesem Zusammenhang gibt es eben nicht nur sensorische Informationen aus Muskulatur und Gelenken. Es gibt auch humorale Komponenten, also Hormone, Immunfaktoren und Mineralien, die im Blut zirkulieren und die Funktionsweise des Gehirns beeinflussen. Des Weiteren steht das komplexe ENS, das enterische Nervensystem, das unsere Verdauungsorgane umschließt, mit dem Zentralnervensystem in Wechselwirkung.

Deshalb würde der Spenderkörper zu einer massiven Umgestaltung des Gehirns führen, und es ist wahrscheinlich, dass damit das Gefühl für die eigene Identität verlorengeht.

Was wäre nun, wenn ein plastisches Gehirn in einem Roboter beheimatet wäre? Selbst wenn es gelänge, eine Konnektivität zwischen Maschine und Hirn herzustellen, dann würde das zentrale Ziel mit Sicherheit verfehlt: die eigene Lebensspanne zu verlängern. Das Ich des Gehirns, das sich der Maschine anpassen müsste, hätte nämlich nichts mehr mit dem Ich zu tun, das sich vorher ein ewiges Leben erträumte.

Robo-Cup als Weltmeisterschaft der KI?
Robo-Cup als Weltmeisterschaft der KI? : Bild: dpa

Auch in einem anderen mathematischen Konzept spielt der Körper eine Schlüsselrolle. Damit wären wir zum Schluss bei der Brille von Timotheus Höttges und den Ängsten von Stephen Hawking.

Man muss nicht zwangsläufig das Nervensystem in seiner spezifischen Dynamik simulieren, wie es etwa die Forscher des European Brain Project versuchen. Man kann auch Maschinen bauen, die statistische Korrelationen auswerten oder aber auf der Grundlage neuronaler Netze arbeiten. Einige Funktionscharakteristika sind dem natürlichen Vorbild abgeschaut, andere bleiben unbeachtet. Man könnte die Strategie, die dahintersteht, als „funktionelle Mimikry“ bezeichnen. An der Oberfläche sehen wir ein „intelligentes“ Verhalten, aber die Maschinerie im Innern hat in ihrer Funktionsweise wenig bis gar nichts mit der des Menschen zu tun. Ein Beispiel ist die Sprachsoftware „Siri“, die definitiv keine menschliche Sprache versteht, aber unter Ausnutzung statistischer Korrelationen Ihrem Benutzer das Gefühl gibt, mit der Maschine sprechen zu können. Das ist für einige Benutzer immerhin so glaubwürdig, dass sie die Maschine anschreien, wenn sie nicht versteht, was sie meinen, da sie ihr einen bösen Willen unterstellen. Oder „Kari“, Knowledge Acquiring and Response Intelligence, eine fügsame virtuelle Geliebte, die sich der Benutzer nach eigenen Wünschen schaffen kann, um mit ihr eine Beziehung zu pflegen. Aber warum versteht Siri ihren Gesprächspartner nicht? Und warum kann Kari die Gefühle ihrer Liebhaber nicht erwidern und hat keine Ahnung, was es heißt, „Schmetterlinge im Bauch zu haben“? Weil sie keinen menschlichen Körper besitzen.

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