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Hochwasserschutz : Ein Wettlauf gegen die drohenden Fluten

Je dunkler, desto höher steigt Hochwasserrisiko: Die Grafik gibt an, wie sich die Zahl der von Überflutungen betroffenen Menschen bis zu den Jahren 2035 bis 2040 erhöhen soll. Bild: American Association for the Advancement of Science

Jetzt heißt es handeln: Die Erderwärmung forciert schnell und unvermeidlich das Hochwasserrisiko an den Flüssen, weltweit. Vielerorts vervielfacht sich die Zahl der potentiellen Flutopfer – auch da, wo man sich heute gut gewappnet glaubt.

          Vor dem Wasser sind alle gleich: Egal, ob man im wohlhabenden Norden lebt, in Europa oder Nordamerika, ob man im fernen Asien wohnt oder im armen Afrika – überall heißt es jetzt: planen, anpacken und bauen, um nicht unterzugehen – und zwar schnell und überall. Es ist keine Zeit mehr zu verlieren. So lautet die zentrale Botschaft einer neuen Klimastudie, in der das Hochwasserrisiko durch übertretende Flussufer mit einigen der ausgefeiltesten Klimamodellen und hydrologischen Simulationsrechnern durchgerechnet wurde.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Zum ersten Mal hat man so zumindest für eine überschaubare Zukunft, nämlich die kommende Generation (für die Zeit bis 2040), eine halbwegs aussagekräftige Prognose, was die Überflutungsrisiken an den großen Flüssen dieser Welt angeht. Und zwar quer über den gesamten Planeten, von den Kontinenten und wegen der zehnfach höheren räumlichen Auflösung dieser Modelle bis hinunter zu den Regionen und einzelnen Metropolen. Fazit: „Der kurz- und mittelfristige Anpassungsbedarf ist wegen der Klimaerwärmung überall groß, am größten aber in den Vereinigten Staaten, in Teilen Indiens und Afrikas, Südostasien und in Mitteleuropa – einschließlich Deutschland.“

          Natürlich sind in weiten Teilen vor allem der Industrieländer entsprechende Hochwasserschutzmaßnahmen, vom Deichausbau bis zu veränderten Baustandards und Siedlungsverlagerungen, bereits eingeleitet. Die ungünstigen Klimaszenarien, die vom beschleunigten Treibhauseffekt herrühren, sind für fortschrittliche Hochwasserbehörden schließlich nichts Neues.

          Wasser überflutet am Montag in Köln das Rheinufer.

          Die Veränderungen der Temperaturen und Regenwahrscheinlichkeiten lassen sich für die nächsten zwei, drei Dekaden einigermaßen genau abschätzen, und sie werden sich auch dann nicht ändern, wenn die avancierten Klimaschutzmaßnahmen greifen sollten, die man in Paris beschlossen hat. Aber was von den Hochwasserschutzmaßnahmen wirklich umgesetzt wird, weiß heute keiner. Und so haben sich die Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung um Sven Willner und Katja Frieler darauf verlegt, das Level der heutigen Schutzmaßnahmen ebenso wie die aktuellen Bevölkerungszahlen und -verteilungen für ihre Berechnungen auf dem heutigen Niveau zu halten. Was in ihren Modellen dazu führt, dass die schon heute gravierenden nationalen und regionalen Ungleichheiten im Hinblick auf den Hochwasserschutz in Zukunft noch viel stärker ins Gewicht fallen könnten. Denn während fortschrittliche Länder wie in Europa oder Teilen der Vereinigten Staaten und Asiens schon anfangen, auf die sukzessive Erwärmung, die Häufung von Extremwetterlagen und die erhöhten statistischen Niederschlagsmengen zu reagieren, hinkt das Risikobewusstsein oder die Investitionsbereitschaft in der Mehrheit der Länder weit hinterher.

          Und noch etwas führt dazu, dass das Hochwasserrisiko in vielen Gegenden eher noch größer ausfallen wird als jetzt prognostiziert: Die Forscher berechneten zwar die Intensität der Fluten, wie sie sich aus den prognostizierten Klimadaten jeweils ergibt, aber sie berücksichtigten nicht die Dauer der jeweiligen Hochwasser und wie oft Extremhochwasser übers Jahr auftreten könnten. Und: Auch die durch Wirbelstürme verursachten, oft großflächigen Überflutungen, wie das besonders im vergangenen Jahr in der Karibik und im Süden der Vereinigten Staaten zu beobachten war, sowie die Bevölkerungskonzentration in den großen Städten (die überwiegend fluss- und küstennah liegen) sind nicht mit eingerechnet worden. „Die tatsächliche Zunahme an betroffenen Menschen dürfte noch höher als von uns kalkuliert sein“, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Publikation in „Science Advance“: Heißt also: Hier wurde sehr vorsichtig gerechnet.

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