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Hitzewelle am Nordpol : Jenseits der Wärme

Ewiges Eis? Hier in der Arktis steigt das Thermometer gerade über null Grad. Bild: Jiri Rezac / VISUM

Hitzeschock am Nordpol. Das beweist gar nichts, spricht aber Bände: Je mehr Energie ins System gepumpt wird, desto schneller gerät es aus den Fugen. Eine Lehre für unverbesserliche Abwiegler.

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          Das meteorologische Chaos, das sich in den letzten Tagen dieses an chaotischen Wetterphänomenen weiß Gott nicht armen Jahres abspielt, ist kein Beweis für die Klima-Apokalypse, aber es spricht Bände: Am Nordpol steigt die Quecksilbersäule auf über null Grad. Ein Hitzeorkan schaufelt massiv tropisches Meerwasser in den Hohen Norden. Tauwetter mitten im tiefsten polaren Winter, wo minus vierzig Grad normal wären. Im vermeintlich ewigen Eis, von Nordkanada bis nach Sibirien, tauen Tundra und Permafrost; oberflächlich zwar nur, aber auch da gilt, was Kirschblüte im Advent und weihnachtlicher Pollenflug in unseren Breiten bedeuten: Es schaudert einen, Blüten hin, Wärme her.

          Tief verwurzelt ist dieser Reflex: Droht die Welt um uns herum aus den Fugen zu geraten, überkommt uns die Angst. Je abrupter der Wandel, desto größer die Furcht. Nur war der Wandel und waren auch die bösen Überraschungen beim Wetter immer schon evolutionär eingepreist. Mit Wetterextremen war zu allen Zeiten zu rechnen; Naturkatastrophen sind Natur, so ist das, und so haben wir es gelernt. Viele trösten sich nach wie vor damit. Wir sind heute noch nicht so weit, einen historisch warmen Dezember wie diesen mit sechs Grad über dem statistischen Mittel als apokalyptisch zu empfinden - mag das für Natur und Mensch auch noch so viel Stress bedeuten.

          Unverdrossen herrscht die leise Hoffnung, dass die meteorologische Ausnahme auch Ausnahme bleibt. Die Berge an Indizien jedoch, die in immer kürzeren Zyklen dokumentiert werden, sprechen eine andere Sprache. Viele glauben noch immer, dass die zusätzliche Energie, die wir unentwegt in die Atmosphäre und die Ozeane pumpen, folgenlos bleibt. Die Erfahrung und die Logik müssten ihnen sagen: Überschüssige Energie stört das Gleichgewicht, bingt die Verhältnisse ins Rutschen. 

          Videografik : Das Klima-Phänomen El Niño

          Die Ausnahmen häufen sich und werden so zum „neuen Normal“. Das System verliert an Stabilität. Und mit der Instabilität wächst die Gefahr von Krisen - von ausgewachsenen Klimakrisen. Im Nordpolargebiet vollzieht sich die Erwärmung doppelt so schnell wie hierzulande. Es ist in dieser Hinsicht das Klimalabor der Welt. Wir bekommen den beschleunigten Wandel hier wie im Zeitraffer, aber dafür besonders drastisch vor Augen geführt. Und auch wir können nur ahnen, was noch kommt. Wie empfindlich reagieren wohl viele der Prozesse in der Atmosphäre oder in den Ozeanen, die Jahrtausende für die Stabilität des Erdsystems gesorgt haben, auf Störungen? Wir können es nicht wissen. Dieses Jahr haben wir global erst ein Grad Erwärmung überschritten, es könnten in ein paar Generationen drei- oder viermal so viel sein. Dann wird wirklich nichts mehr normal sein.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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