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Hirnforschung mit Pornos : Da schwillt nichts

Pornographie im Netz: Der Konsum ist weit verbreitet Bild: Julien Magre / Picturetank / Age

Bedroht Pornographie die Volksgesundheit? Das hört man immer häufiger. Der virtuelle Sexkonsum versaut uns angeblich. Zwei Berliner Bildungsforscher haben mit Hightech genauer hingesehen und im Gehirn seltsame Schrumpfungen entdeckt.

          Am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin dreht sich alles um die menschliche Entwicklung und um Bildungsprozesse. Warum also nicht auch um Pornographie? Explizite erotische Bildungsinhalte sind pädagogische Kracher, erst recht seitdem sie mit dem Internet im Gießkannenprinzip gleichmäßiger frei Haus und gleichmäßig über alle Generationen verteilt werden.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Doch wie alles, das Spaß bringen und Bedürfnislücken füllen soll, bekommt es im Übermaß medizinische Relevanz. Amerikanische Fachmedien haben vor gut zwei Wochen die Mitteilungen einer Konferenz „gegen sexuelle Ausbeutung“ verbreitet und zum Schluß vor einer der nationalen „Gesundheitskrise“ druch den Massenkonsum pornographischer Inhalte gewarnt. Gail Dines, eine Soziologie-Professorin vom Wheelock College in Boston, hat 4,2 Millionen Pornoseiten im Internet gezählt. Pornos hätten mehr Besuche als Twitter, Amazon und Netflix zusammen, klagte sie, „und glauben Sie mir, die sind nicht mehr mit Papas Playboy zu vergleichen“. Ihre These: Porno ist die mächtigste und gefährlichste Bildungsindustrie der Welt.

          Bilder aus dem Kernspintomographen, auch als Magnetresonanztomograph bezeichnet.

          Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hat auch schon einige Belege für das pornographische Bedrohungspotential beizusteuern. Bisher hat sie allerdings nicht viel Wind darum gemacht. Und auch jetzt, nachdem die Entwicklungspsychologin Simone Kühn zusammen mit dem an der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité beschäftigten Hirnforscher Jürgen Gallinat eine hochrangige Veröffentlichung zu dem Thema im „JAMA Psychiatry“ platziert haben, geht das Institut ausgesprochen diskret vor. Vielleicht ist der interne Abstimmungsbedarf im Hinblick auf die Formulierungen einfach größer als sonst. Fingerspitzengefühl jedenfalls ist gefragt. Denn die Nachricht, die nach der Publikation inzwischen die Runde macht, hat durchaus das Potential für höhere Erregungswellen: Pornosehen, heißt es, lasse bestimmte Teile des Gehirns schrumpfen. Mehr noch: Die beiden Forscher haben mit dem Hirnscanner einen quantitativen Zusammenhang zwischen der Größe eben jenes Hirnareals und der Dauer des wöchentlichen Pornokonsums festgestellt - je mehr Porno, desto weniger graue Zellen.

          Untersucht wurden 64 „gesunde Männer“ im Alter zwischen 21 und 45 Jahren. Gesunde Frauen und ihre erotischen Bedürfnisse blieben in dem Projekt außen vor. Vielleicht, auch, weil sie den Braten schnell gerochen hätten. Denn von der Absicht, eine Pornografie-Studie durchzuführen, wussten die jungen Männer anfangs nichts. Ihnen wurde lediglich mitgeteilt, das es um eine Hirnforschungsstudie mit einigen Übungen im Kernspintomographen gehe. Den Männern wurden in der Röhre liegend abwechselnd harmlose Fotos und solche mit expliziten sexuellen Inhalten gezeigt. Erst später, nachdem sie über Einzelheiten ihres Pornokonsums gefragt worden waren, erfuhren sie telefonisch Genaueres von dem Forschungsprojekt. Dennoch wollte keiner der befragten Männer aussteigen. Alle gaben auch dann noch bereitwillig  Auskunft.

          Malitte Chair, Februar, 1973

          Was die Berliner Forscher interessierte, war zweierlei: Erstens die Architektur des Gehirns von starken Pornonutzern (versus Gelegenheitskonsumenten) und die funktionelle Verarbeitung der Geschlechtshandlungen im Gehirn. Pornosüchtige waren offenbar nicht dabei. Jedenfalls erwiesen sich sogar die Aktivitäten der starken Pornoliebhaber mit maximal vier Stunden Mediensexkonsum pro Woche als überschaubar.  Umso bemerkenswerter sind die deutlichen Unterschiede zu den (mehr oder weniger ausgeprägten) Pornoabstinenzlern. Das meiste spielte sich im Vorderhin ab.  Das als Nucleus caudatus bezeichnete Kerngebiet an der Basis der rechten Großhirnhälfte war bei den starken Pornonutzern deutlich kleiner. Kurz gesagt gilt: Je mehr Pornokonsum, desto weniger graue Zellen in diesem Hirnabschnitt. Der c-förmige Caudatus bildet zusammen mit dem durch Nervenfasern abgetrennten Putamen das sogenannte Striatum, das zu den Basalganglien zählt und als eine wichtige Schaltstelle für emotionale Prozesse gilt.

          Dazu ein kleiner, vielsagender Exkurs in die Seelenkunde: Der spanische Physiologe José Manuel Rodriguez Delgado soll laut Wikipedia dereinst Aufmerksamkeit erlangt haben, weil er einem Stier eine Sonde implantierte, die per Fernbedienung elektrische Impulse direkt an den Nucleus caudatus abgeben konnte. Das nutzte Delgado in einer Arena, um jedes Mal wenn der Stier auf ihn zukam eine Stimulation auszuführen, die den Angriff des Stiers stoppte.

          Zwischen Caudatus und Putamen liegt in beiden Hirnhälften ein dritter Teil, der Nucleus accumbens. Diese ist der wichtigste Abschnitt des Belohnungssystems und steht mit dem präfrontalen Kortex - einem der „höheren“ Motivations- und Entscheidungszentren im Stirnbereich der Großhirnrinde - in enger Verbindung.  Tatsächlich erwies sich diese Verbindung zwischen emotionalem und Motivationszentrum auch in den Analysen der Hirnaktivität von Pornoliebhabern als bemerkenswert: Die Kommunikation zwischen Caudatus und präfrontalem Kortex war bei starken Pornonutzern  herunter reguliert. Das könnte bedeuten, dass das Betrachten von expliziten Fotos bei ihnen geringere Reaktionen auslöst als bei weniger pornoaffinen Geschlechtsgenossen. Weniger Reize bedeuten andererseits wieder wenige graue Zellen, denn Hirnvolumen wird nur duch starke Beanspruchung aufrechterhalten. Um das Belohnungssystem zu stimulieren, brauchen pornoaffine Männer mehr nackte Tatsachen. Mit anderen Worten: Porno stumpft ab.

          Das klingt plausibel. Es könnte aber auch ganz anders sein, geben die beiden Berliner Bildungshirnforscher zu bedenken: Vielleicht ist ja die geringe graue Hirnmasse nicht das Ergebnis verstärkten Pornokonsums, sondern umgekehrt, erst die Voraussetzung: Ein kleines, womöglich angeborenes  Striatum lockt überhaupt erst in den Sexkonsumrausch. Die Betroffenen brauchen also mehr externe Stimulation mit Bildern als die Geschlechtsgenossen mit ausgeprägtem Caudatus. In dem Fall gilt dann tatsächlich: Die Größe macht's.

          Um Ursache und Wirkung der virtuellen Lust im Gehirn eindeutig zu identifizieren, so schreiben die Wissenschaftler, müsste man „die Zusammenhänge weiter erforschern“. Entweder müssten Pornokarrieren über einen längeren Zeitraum verfolgt und in regelmäßigen Abständen Hirnbilder angefertigt werden. Oder es sollten pornographisch völlig unbedarfte Zeitgenossen schrittweise an den virtuellen Sexkonsum  herangeführt und deren Hirnveränderungen vermessen werden. Geschieht das mit dem Hinweis auf die Bildungskomponente, könnte dieses Experiment sogar bei kritischen Ethikkomissionen Anklang finden.    

             

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