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Hirnforschung mit Pornos : Da schwillt nichts

Malitte Chair, Februar, 1973

Was die Berliner Forscher interessierte, war zweierlei: Erstens die Architektur des Gehirns von starken Pornonutzern (versus Gelegenheitskonsumenten) und die funktionelle Verarbeitung der Geschlechtshandlungen im Gehirn. Pornosüchtige waren offenbar nicht dabei. Jedenfalls erwiesen sich sogar die Aktivitäten der starken Pornoliebhaber mit maximal vier Stunden Mediensexkonsum pro Woche als überschaubar.  Umso bemerkenswerter sind die deutlichen Unterschiede zu den (mehr oder weniger ausgeprägten) Pornoabstinenzlern. Das meiste spielte sich im Vorderhin ab.  Das als Nucleus caudatus bezeichnete Kerngebiet an der Basis der rechten Großhirnhälfte war bei den starken Pornonutzern deutlich kleiner. Kurz gesagt gilt: Je mehr Pornokonsum, desto weniger graue Zellen in diesem Hirnabschnitt. Der c-förmige Caudatus bildet zusammen mit dem durch Nervenfasern abgetrennten Putamen das sogenannte Striatum, das zu den Basalganglien zählt und als eine wichtige Schaltstelle für emotionale Prozesse gilt.

Dazu ein kleiner, vielsagender Exkurs in die Seelenkunde: Der spanische Physiologe José Manuel Rodriguez Delgado soll laut Wikipedia dereinst Aufmerksamkeit erlangt haben, weil er einem Stier eine Sonde implantierte, die per Fernbedienung elektrische Impulse direkt an den Nucleus caudatus abgeben konnte. Das nutzte Delgado in einer Arena, um jedes Mal wenn der Stier auf ihn zukam eine Stimulation auszuführen, die den Angriff des Stiers stoppte.

Zwischen Caudatus und Putamen liegt in beiden Hirnhälften ein dritter Teil, der Nucleus accumbens. Diese ist der wichtigste Abschnitt des Belohnungssystems und steht mit dem präfrontalen Kortex - einem der „höheren“ Motivations- und Entscheidungszentren im Stirnbereich der Großhirnrinde - in enger Verbindung.  Tatsächlich erwies sich diese Verbindung zwischen emotionalem und Motivationszentrum auch in den Analysen der Hirnaktivität von Pornoliebhabern als bemerkenswert: Die Kommunikation zwischen Caudatus und präfrontalem Kortex war bei starken Pornonutzern  herunter reguliert. Das könnte bedeuten, dass das Betrachten von expliziten Fotos bei ihnen geringere Reaktionen auslöst als bei weniger pornoaffinen Geschlechtsgenossen. Weniger Reize bedeuten andererseits wieder wenige graue Zellen, denn Hirnvolumen wird nur duch starke Beanspruchung aufrechterhalten. Um das Belohnungssystem zu stimulieren, brauchen pornoaffine Männer mehr nackte Tatsachen. Mit anderen Worten: Porno stumpft ab.

Das klingt plausibel. Es könnte aber auch ganz anders sein, geben die beiden Berliner Bildungshirnforscher zu bedenken: Vielleicht ist ja die geringe graue Hirnmasse nicht das Ergebnis verstärkten Pornokonsums, sondern umgekehrt, erst die Voraussetzung: Ein kleines, womöglich angeborenes  Striatum lockt überhaupt erst in den Sexkonsumrausch. Die Betroffenen brauchen also mehr externe Stimulation mit Bildern als die Geschlechtsgenossen mit ausgeprägtem Caudatus. In dem Fall gilt dann tatsächlich: Die Größe macht's.

Um Ursache und Wirkung der virtuellen Lust im Gehirn eindeutig zu identifizieren, so schreiben die Wissenschaftler, müsste man „die Zusammenhänge weiter erforschern“. Entweder müssten Pornokarrieren über einen längeren Zeitraum verfolgt und in regelmäßigen Abständen Hirnbilder angefertigt werden. Oder es sollten pornographisch völlig unbedarfte Zeitgenossen schrittweise an den virtuellen Sexkonsum  herangeführt und deren Hirnveränderungen vermessen werden. Geschieht das mit dem Hinweis auf die Bildungskomponente, könnte dieses Experiment sogar bei kritischen Ethikkomissionen Anklang finden.    

   

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