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Hirnforschung : Da hilft nur Augen zu und durch

  • -Aktualisiert am

Das Gedächtnis verarbeitet vermutlich im Schlaf Gelerntes weiter Bild: dpa/dpaweb

Warum verliert der Mensch allnächtlich das Bewußtsein? Keiner weiß es genau. Doch wenn wir nicht schlafen würden, wären wir wohl nicht clever genug, die Frage überhaupt zu stellen.

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          Wer den Schlaf der Gerechten schläft oder in Morpheus' Armen liegt, der sündigt nicht. Sagt jedenfalls der Volksmund. An solchen Weisheiten herrscht kein Mangel. Gar nicht gern hat man es demnach, den Schlaf geraubt zu bekommen. Oder sich die Nacht um die Ohren schlagen zu müssen.

          Fast ein Drittel der Lebenszeit verbringt der Mensch in einem scheinbar unproduktiven, bewußtlosen und auch wehrlosen Zustand. Trotzdem hat Schlaf durchaus ein positives Image, solange wir es nicht übertreiben. Fragt sich bloß, wozu das Ganze. Darauf gibt es eigentlich eine ziemlich befriedigende Antwort: Körper und Geist erholen sich in dieser Ruhephase, man muß einfach regelmäßig abschalten.

          Lösungen über Nacht

          So weit, so gut, so unbewiesen. Zwar gibt es tatsächlich Hinweise darauf, daß schlummernd Stoffwechselgifte abgebaut werden, daß Immun- und Hormonsystem solche Ruhephasen nötig haben und daß auch die müden Knochen und Gelenke die Entlastung gut gebrauchen können. "Aber all das", sagt der Lübecker Schlafforscher Jan Born, "würde es ja nicht nötig machen, das Bewußtsein zu verlieren. Der Schlaf erfüllt also offenbar auch eine Funktion, die mit dem Wachsein inkompatibel ist." Born und viele seiner Fachkollegen glauben, daß sich das Gedächtnis im Schlaf konsolidiert, am Tage Gelerntes weiterverarbeitet, festigt und unwichtige Informationen aussortiert.

          Der Lübecker Schlafforscher hat in den vergangenen Jahren mit seinen Studien Aufsehen erregt. Im Frühjahr dieses Jahres etwa erschienen in Nature die Ergebnisse von Experimenten seines Mitarbeiters Ullrich Wagner. Der hatte Probanden vor eine nicht allzu schwierige logische Aufgabe gestellt. Sie mußten sich nur an zwei Grundregeln halten, um die richtigen Zahlenreihen herauszubekommen. Eine dritte Regel bekamen sie allerdings nicht mitgeteilt, nämlich die, daß man nach der Hälfte jeder Zahlenreihe die bisherigen Ergebnisse einfach nur spiegelbildlich in die verbleibenden Antwortfelder eintragen muß. Viele Versuchsteilnehmer erkannten die versteckte Regel und lösten die Aufgaben mit einem Schlag deutlich schneller. Den meisten kam diese Einsicht aber nicht irgendwann, sondern über Nacht, nachdem sie im Wortsinn darüber geschlafen hatten.

          Prominente Beispiele

          Von ähnlichen Geistesblitzen in den Kissen gibt es in Biographien von Wissenschaftlern und Künstlern einiges nachzulesen. Dimitrij Mendelejew etwa erschloß sich das Ordnungsprinzip für sein Periodensystem der Elemente über Nacht, nachdem er am Abend zuvor noch ergebnislos über den Kärtchen mit den Symbolen gebrütet hatte.

          Friedrich Kekule soll auf ähnliche Weise auf die Ringstruktur des Benzols gekommen sein. Und Robert Louis Stevenson will sich Schlüsselszenen seines "Doktor Jekyll und Mister Hyde" ebenfalls erschlafen haben. Es gibt unzählige ähnliche Anekdoten, von Wicki dem Wikinger bis Albert Einstein.

          Besseres Lernen

          Auf Borns Schreibtisch in Lübeck liegt derzeit ein Manuskript, das er zusammen mit seinen Mitarbeitern Lisa Marshall, Matthias Mölle und Manfred Hallschmid beim renommierten Journal of Neuroscience eingereicht hat. Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, die am Samstag in Freiburg zu Ende ging, stellte er die Ergebnisse erstmals vor. Es ist ein weiterer argumentativer Schlag gegen jene, die die reine Erholungstheorie vertreten. Zum ersten Mal in einem solchen Experiment legten die Wissenschaftler ihren schlafenden Probanden Elektroden nicht deshalb an, weil sie Hirnströme für ein Elektroencephalogramm (EEG) ableiten wollten. Sie versuchten vielmehr, bekannte Hirnstrommuster, bei denen sie einen Zusammenhang mit Lernprozessen vermuteten, zu verstärken. Über die Elektroden wurde im Tiefschlaf (Deltaschlaf) vorne am Kopf ein schwacher Strom von 0,26 Milliampere pro Quadratzentimeter verabreicht.

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