https://www.faz.net/-gwz-7qqit

Herzinfarkt-Risiko : Stress geht ins Mark

Immunzellen im Lymphknoten einer Maus Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Wer im Dauerstress lebt und sich wenige Pausen gönnt, schadet sich mehr als bisher bekannt. Es sind nicht nur die Stresshormone, die auf Umwegen gefährlich werden. Psyche und Immunsystem sind direkt verdrahtet.

          2 Min.

          Stress, sagt eine populäre These, hat nicht nur zerstörerische Züge, sondern ist gewissermaßen der Motor für unsere Psyche und Treibstoff für unsere Motivation;  kurz: Stress ist leistungssteigernd. Er stimuliert – als „Eustress“ – unser Belohnungssystem. Doch so viel Positives man dem Stress auch zuschreiben mag, im Kern ist offenbar auch ein Teil dieser stimulierenden Wirkung, wenn sie mit einer Dauerüberlastung einhergeht, ein Desaster für Körper und Geist. Und zwar buchstäblich in dieser Kombination, seelischer Sress ist ein fataler Stimulator.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Eine amerikanische-deutsche Arbeitsgruppe um Matthias Nahrendorf vom Massachusetts General Hospital und der Harvard Medical School in Boston hat die Janusköpfigkeit von Stress jetzt in einer neuen Studie eindrucksvoll belegt. Die Wissenschaftler haben quasi bis zu den Wurzeln nachverfolgt, wie Dauerstress zu einem gewaltigen Risikofaktor für Herz- und Organversagen werden kann: Nämlich durch die direkte nervöse Stimulation der Blutstammzellen im Knochenmark. Stammzellen sind wiederum die Quelle für sämtliche weißen Blutkörperchen.

          Und wenn sich Leukozyten, also weiße Blutkörperchen,  dauerhaft vermehren, bedeutet das fast nie Gutes für den Körper. Denn viele von diesen Leukozyten, Makrophagen, Neutrophile  und Monozyte etwa, schütten in großer Zahl  Entzündungsbotenstoffe aus, die dann offenbar  in den entzündungsanfälligen Ablagerungen der Blutgefäße die Verstopfung der Adern forcieren.  

          Knochenmark im Beutel: Werden Stressfolgen mit transplantiert?
          Knochenmark im Beutel: Werden Stressfolgen mit transplantiert? : Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

          Es sind also nicht allein die bekannten Stresshormone Adrenalin und Cortisol, die über  die Blutbahn im Körper verbreitet den Stoffwechsel verändern und die Psyche beeinflussen. Ein entscheidender Reiz kommt offenbar direkt über die Leitungen des vegetativen Nervensystems, des Sympathikus,  im Knochenmark an. Dort wird bei Dauerstress verstärkt Noradrenalin ausgeschüttet – das entscheidende Signal für die in der Hierarchie ganz unten stehenden, basalen Blutstammzellen, sich zu verstärken. Nahrendorf  und seine Kollegen haben das bei Mäusen nachgewiesen, die sie in ihren Käfigen systematisch unter Stress gesetzt hatten. Aber auch beim Menschen haben die Forscher Hinweise gefunden. Wie sie ind er Zeitschrift „Nature Medicine“ berichten, war das auch bei etwas mehr als zwei Dutzend Klinikmitarbeitern auf Intensivstationen zu beobachten. Bei jenen Mitarbeitern, die besonders intensivem Stress dauerhaft ausgesetzt waren, wurden auch verstärkt entzündungsfördernde Monozyten und Neutrophile im Blut nachgewiesen. Wer also ohnehin anfällig für Gefäßverkalkungen ist, stark übergewichtige Menschen etwa oder solche mit entsprechenden Veranlagungen, ist bei Dauerstress besonders anfällig für die Rekrutierung dieser Entzündungsförderer im Knochenmark.

          Weitere Themen

          Pflanzen und Sprachen

          Ab in die Botanik : Pflanzen und Sprachen

          Nirgends wachsen mehr Pflanzenarten als auf Neuguinea - und nirgends werden auf so engem Raum so viele Sprachen gesprochen. Beides hängt zusammen.

          Topmeldungen

          Ein Patient im Intensivzimmer eines bayerischen Krankenhauses.

          Coronavirus : Krankenhäuser reduzieren Betten für Covid-Erkrankte

          Nur noch zehn Prozent der Intensivbetten werden künftig freigehalten: Ärzte befürchten bei einer zweiten Welle Engpässe in der Pflege. Der Präsident der Bundesärztekammer warnt davor, auf die Quotenregelung ganz zu verzichten.
          Dunkle Wolken über Mehrfamilienhäusern aus der Gründerzeit im Prenzlauer Berg (Archivbild)

          Immobilienmarkt : Der Mietendeckel verschärft Berlins Wohnungsnot

          In Berlin können Mieter bald verlangen, die Miete auf eine gesetzlich vorgegebene Grenze zu senken. Schon jetzt wirkt sich das umstrittene Instrument zur Preisdämpfung massiv auf den Wohnungsmarkt aus. Selbst die Genossen sind verärgert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.