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Glosse: Spahns Krebsprognose : Herr, eine Vision!

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vor einer Kabinettssitzung Bild: AFP

Besser konnte man für den Weltkrebstag nicht werben: Gesundheitsminister Spahn erklärt Krebs für besiegbar – bald schon, möglicherweise pünktlich zu seiner Kanzlerschaft. Eine Glosse über eine visionäre Politikergeneration.

          Visionen sind uns wichtig. Das war früher schon so, als sich die Menschen inbrünstig über die gesunden Dinkelrezepte der frommen Klosterfrau Hildegard von Bingen hermachten, und es ist heute ohne die göttlichen Eingebungen nicht viel anders. Nur, dass viele Visionäre heute oft nicht mehr dem Religiösen, sondern der Wissenschaft zugeordnet werden. Und sich die Visionäre ihrerseits ausgesprochen wissenschaftsaffin geben. Selbst wenn also Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eine Eingebung gehabt und diese Erscheinung in Worte gefasst hätte, als er laut darüber nachdachte, dass Krebs in zehn bis zwanzig Jahren endgültig besiegbar sei, es wäre ihm niemals so über die Lippen gekommen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Spahn würde immer die Wissenschaft als Letztbegründung wählen. Dafür steht er als Jungpolitiker mit Karriereaussichten viel zu fest mit beiden Beinen in der Zukunft. So weit geht seine religiöse Identität dann doch nicht. So wenig wie bei Dorothee Bär oder Julia Klöckner, zwei andere Jungpolitikerinnen, die qua Parteimitgliedschaft quasi im Auftrag des Herrn unterwegs sind. Bär, die auratische Digitalministerin aus Bayern, griff schon gleich nach ihrem Amtsantritt mit der Bemerkung ins Twittergeschehen ein, unsere Gesellschaft dürfe sich gefälligst nicht nur um Internetkleinkram kümmern, sondern müsse sich schleunigst auch um die Bereitstellung von Flugtaxis kümmern. Und Agrarministerin Klöckner schwärmte in der Grünen Woche davon, wie die Ackerfurche demnächst via Datentransfer vom Feld direkt in die Cloud und von dort – vice versa – auf den Teller des Verbrauchers reicht.

          Nun haben wir gegen schwärmerische Visionen im Sinne einer realisierbaren Utopie nichts einzuwenden. Wer erträumt sich nicht gern Großes? Aber wie sollen wir da trennen im politischen Geschäft: zwischen der ehrlichen Vision einerseits und dem falschen Versprechen andererseits, oder, noch unerträglicher, zum kruden Wissenschaftspopulismus? Die Vernunft sagt uns: Verliert die Vision ihre wissenschaftliche Erdung und dient sie in erster Linie der Selbstvermarktung, bleiben Inhalte und Maßnahmen hingegen unscharf, kann man sich die Gefolgschaft getrost sparen. Ist das realistisch? Nein, aber eine Vision.

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