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Haustiere : Altern ist nichts für Feiglinge

  • -Aktualisiert am

Bild: Isa Leshko

Auch unter Haustieren hat der demographische Wandel eingesetzt. Schon die Hälfte aller deutschen Hunde ist heute im Rentenalter. Eine echte Herausforderung nicht nur für Veterinäre.

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          Alfreds Frauchen musste umziehen. Alfreds wegen. Der Mischling aus Berner Sennenhund und Kaukase schaffte die Treppen immer schlechter, und knapp sechzig Kilo Lebendgewicht tragen sich nun mal nicht so leicht. So verschlug es die beiden aus ihrem lichtdurchfluteten, aufgrund alten Mietvertrags auch noch günstigen Altbau im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg in ein dunkles, feuchtes, nicht einmal billiges Hinterhausparterre in Friedrichshain.

          Tierhalter nehmen heutzutage manches auf sich, wenn ihre Hunde, Katzen, Pferde oder Kaninchen in die Jahre kommen. Sie müssen fertig werden mit Bewegungsunlust beim Gassi-Gehen, zunehmendem Mundgeruch, unvorhersehbarem Verhalten inklusive Beißlust, steigenden Tierarztkosten. Nachts öfter raus müssen auch viele, wenn der Rüde es mit der Prostata hat.

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          Gnadenbrot für Tiere : Alt geworden

          Früher wurden alte Tiere oft schlicht abgeschafft. Heute sind die Vierbeiner und so mancher Kanarienvogel immer häufiger eine Art Lebenspartner, der bis ins hohe Alter gehegt, gepflegt und versorgt wird. So hat unter Heimtieren in den vergangenen Jahrzehnten ein demographischer Wandel stattgefunden, der zwar nicht die Sozialsysteme bedroht, von den Zahlen her aber dramatisch ist. Die überalterte Hunde- und Katzengesellschaft ist längst Realität. Legt man die alte Regel zugrunde, dass ein Menschenjahr sieben Hundejahren entspricht, dann sind heute etwa die Hälfte aller deutschen Hunde im Rentenalter. 1967 waren gerade einmal 19 Prozent zehn Jahre und älter. Allerdings unterscheidet sich die Lebenserwartung der verschiedenen Hunderassen extrem. Die ganz großen beginnen schon mit sechs zu vergreisen, die kleinsten können mit vierzehn noch fit und mit zwanzig noch am Leben sein. Katzen, die eine durchschnittlich etwas längere Lebenserwartung haben, waren 1967 zu 0,2 Prozent zwanzig Jahre und älter, inzwischen sind geschätzte vier bis fünf Prozent in diesem Greisenalter.

          Die Lebenserwartung von Heim- und Nutztieren reicht von etwa zwei Jahren bei Ratten und Hamstern bis jenseits der hundert für manche Papageien. Selbst Kleintiere wie Hamster und Kaninchen erreichen immer häufiger Methusalem-Status, auch wenn ihre absolute Lebenszeit eher kurz ist. Zwar gibt es hier keine offiziellen Zahlen, doch der Vorsitzende der Vereinigung praktizierender Tierärzte, Hans-Joachim Götz, sagt, der Anteil des Umsatzes, den Veterinäre mit der Behandlung typischer Altersleiden machen, habe in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Auf vierzig Prozent schätzt er ihn für seine eigene Praxis im saarländischen Kirkel-Limbach.

          Oft entwickeln sich viele Leiden gleichzeitig

          Der Münchener Veterinärmediziner Wilfried Kraft machte sich, nachdem er jahrelang das Durchschnittsalter seiner Patienten hatte steigen sehen, schon Mitte der neunziger Jahre daran, die Kenntnisse über die Physiologie alter Heimtiere, über Vorbeuge- und Therapiemöglichkeiten zusammenzutragen. Das Buch, das er 1998 herausgab, heißt „Geriatrie bei Hund und Katze“. Die Fachgebietsbezeichnung ist dieselbe wie in der Humanmedizin. Auch die meisten Altersleiden der Tiere sind die gleichen wie beim Menschen, sagt der mittlerweile emeritierte Professor: Hör- und Sehkraft lassen nach, ebenso die Stubenreinheit, die Zähne sind abgenutzt oder fallen aus, Gelenke entzünden sich und schmerzen, Knochen werden spröde, die Schilddrüse spielt verrückt, Herz und Nieren werden schwächer, der Darm macht Probleme, Tumoren treten auf, ein Diabetes entwickelt sich, die geistigen Fähigkeiten schwinden.

          Oft entwickeln sich viele dieser Leiden gleichzeitig. „Mehrere Organsysteme können in Mitleidenschaft gezogen werden und zusätzlich zu einer neurologischen Erkrankung das zentrale Nervensystem schädigen“, sagt Andrea Tipold, Professorin an der Kleintierklinik der Tierärztlichen Hochschule Hannover. „Multimorbidität“ heißt das dann, genauso wie beim Menschen.

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