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Shakespeares Botanik : Grünes Theater

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Schachbrettblume Bild: dpa

Für seine menschlichen Charaktere ist Shakespeare berühmt, für sein grünes Gespür feiern ihn die Botaniker. Der Großdichter hat in seinen Werken der Pflanzenwelt gehuldigt, wie diverse Ausstellungen zeigen.

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          Im Werk von William Shakespeare nicht nur die verwickelten menschlichen Beziehungen zu betrachten, sondern auch auf Tiere und Pflanzen zu achten, hat eine längere Tradition. Zwar ist strittig, ob Ende des 19. Jahrhunderts Eugene Schieffelin als Präsident der „American Acclimatization Society" wirklich vor allem an eine Szene aus „Heinrich IV" dachte, als er den europäischen Starenvogel in New York aussetzte. Aber Berichte, nach denen Schieffelins Begeisterung für Shakespeare so grenzenlos war, dass er es sich zum Ziel setzte, alle im Werk des Dichters vorkommenden Vogelarten vom Alten auf den Neuen Kontinent zu bringen, halten sich hartnäckig. Beim Star jedenfalls, den Hotspur im Stück dazu einsetzen will, dem König den Namen des entführten Mortimer wieder und wieder vorzusingen, ist dies gelungen: aus einst 100 in Amerika eingeführten Staren sind inzwischen Hunderte Millionen geworden.

          Der Erfinder der Shakespeare-Ausstellung: Stefan Schneckenburger, Leiter des Botanischen Gartens in Darmstadt.
          Der Erfinder der Shakespeare-Ausstellung: Stefan Schneckenburger, Leiter des Botanischen Gartens in Darmstadt. : Bild: Wonge Bergmann

          In Deutschland  begeistern sich nun Biologen nicht für die Vogelwelt, sondern für alles, was bei Shakespeare wächst und gedeiht. Unter der kuratorischen Leitung des Pflanzenkundlers Stefan Schneckenburger von der TU Darmstadt hat der Verband Botanischer Gärten eine Ausstellung entwickelt, die den vielen Auftritten bekannter und unbekannter Pflanzen im Werk Shakespeares nachgeht. Seit Juni und mancherorts noch bis Ende Oktober sind die in vielfacher Ausführung produzierten Schautafeln in Botanischen Gärten in Deutschland und Österreich zu sehen.

          Die lehrreiche und mit einfachsten Mitteln schön gestaltete Ausstellung führt Shakespeares Pflanzenwissen auf eine Gesamtdarstellung der bekannten Arten zurück, die der Londoner Gärtner John Gerards 1597 als „Herball“ publizierte. Shakespeare, so lernen wir, wohnte ganz in der Nähe von Gerards, und vieles deute darauf hin, dass er das „Herball" intensiv studiert habe. Umgekehrt war Gerards mindestens einmal Gast im „Theater“, beschreibt er es doch als den Fundort einer Hahnenfußspezies.

          Schautafel im Botanischen Garten.
          Schautafel im Botanischen Garten. : Bild: Wonge Bergmann

          Im Gegensatz zum heutigen biologischen Analphabetismus war die Bevölkerung zur Zeit Shakespeares durchweg in Naturkunde bewandert, bildeten Pflanzen doch die Grundlage aller Ökonomie und auch der Medizin. Shakespeare konnte deshalb, so legt es zumindest die Ausstellung nahe, mit Hilfe von Pflanzen Stimmungen und Metaphern erzeugen, die auch verstanden wurden – vom kalten Wind, der bei König Lear durch den „Hagdorn“ (Weißdorn) bläst über die Rosenkriege bis zum Kranz der Ophelia aus Frühsommerblumen, von denen manche der Ausstellung zufolge eine eindeutig sexuelle Konnotation hatten. Überhaupt Ophelia: Vor ihrem Tod überreicht sie ihrem Bruder Vergissmeinnicht zum Andenken, Rosmarin für die Treue, Fenchel als Zeichen von Schmeichelei, die bittere Akelei stellvertretend für Tod und Trauer sowie Veilchen, weil diese zum Zeitpunkt der Ermordung ihres Vaters gerade abgeblüht waren.

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