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Graffiti-Forschung : Lucifer war hier

Bild: Robert Wenkemann

Graffiti gibt es, seit es Wände gibt. Wer sie anbringt, will etwas mitteilen oder seine Kumpel beeindrucken. Und liefert mit seinen „inoffiziellen Botschaften im öffentlichen Raum“ nebenbei der Graffiti-Forschung wertvolles Material.

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          Der Kampf gegen Ratten gehört so selbstverständlich zu den Aufgaben einer Stadtverwaltung wie der Kampf gegen Vandalismus. Schön, wenn man beides in einem Aufwasch erledigen kann, werden sich die Männer von der Stadtreinigung Melbourne gedacht haben, als sie jüngst in der dortigen Hosier Lane mit grauer Farbe ein Graffito übermalten, das eine Ratte zeigte. Dass sie damit ein Kunstwerk vernichteten, war ihnen nicht klar - wie auch? Sie dürften nicht die Einzigen sein, die den Graffiti-Künstler mit dem Pseudonym „Banksy“ nicht kannten, für dessen Arbeiten auf dem Kunstmarkt sechsstellige Beträge erzielt werden. Aber sie wussten, dass die Hauswand in der Hosier Lane, anders als viele in der direkten Nachbarschaft, nicht zum Besprühen freigegeben war.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Kompliziert wird die Sache dadurch, dass Banksys schon 2003 entstandene Ratte in den vergangenen sieben Jahren durch die Stadtverwaltung ausdrücklich geduldet worden war. Melbourne versteht sich als Hochburg künstlerischer Graffiti, und viele Touristen besuchen das Viertel, in dem sich die Hosier Lane befindet, wegen der dort massenhaft anzutreffenden Street Art. Umgekehrt gehört es offenbar zu Banksys Selbstverständnis, eben nicht eine Fläche zu besprühen, auf der das erlaubt ist - sondern eine, auf der sein Werk Anstoß erregt.

          Suche nach Grenzerfahrungen

          Wer das verstehen will, findet Hilfe bei der Graffiti-Forschung. „Es gibt zwei Schienen“, sagt Norbert Siegl, der Gründer und Leiter des Wiener „Instituts für Graffiti-Forschung“ (ifg): „Die eine Schiene ist die der künstlerischen Ambition, die andere ist die der pubertären adoleszenten Destruktion. Beides findet man gleichermaßen in der Spraydosenkultur.“ Siegl, der seit 35 Jahren Graffiti erforscht, verweist unter anderem auf das „subversive Potential“ im Bereich der Sprayer-Kultur, „das nicht mehr mit Botschaften arbeitet, sondern an sich subversiv ist und davon lebt, irgendetwas zu hinterlassen, was einerseits als lästig empfunden wird und andererseits die Menschheit ein bisschen vor ein Rätsel stellt“.

          Vielleicht macht Banksy auch deshalb bis heute ein Geheimnis aus seiner wahren Identität. Es gilt allerdings als sicher, dass er die dreißig schon überschritten hat. Damit wäre er unter den Sprayern, die den Anreiz für ihr Werk aus der Illegalität beziehen, ein absoluter Sonderfall, schreiben Falko Rheinberg und Yvette Manig in ihrer „induktiven Anreizanalyse“ unter dem Titel „Was macht Spaß am Graffiti-Sprayen?“ (Report Psychologie 4/2003). Die Potsdamer Psychologen halten fest, dass die Suche nach Grenzerfahrungen und Anerkennung in der Szene unter den sprayenden Teenagern mit steigendem Alter signifikant abnimmt: „Da dies die wichtigsten Anreize des illegalen Sprayens sind, dürfte dieser alterskorrelierte Anreizverlust erklären, warum es kaum illegale Sprayer gibt, die älter als 21 Jahre sind.“ Umgekehrt spiele der Reiz des Illegalen unter den Jüngeren aber eine derart bedeutende Rolle, dass der Versuch nach Ansicht der Autoren sinnlos ist, „illegales Sprayen dadurch zu verhindern, dass man Gelegenheit zum legalen Sprayen bietet“. Zumal viele, die auf den Fragebogen der Forscher antworteten, sowohl legal als auch illegal sprayen, je nach Fläche und Gelegenheit.

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