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Glosse: Sportbremse Ehe? : Krank durch Monogamie

Herzensangelegenheit Joggen - wie lange in der Ehe? Bild: AP

Der Bund fürs Leben - eine pathologische Falle, warnt die Forschung. Macht uns träge, dick und krank. Hoffnungslos? Nicht ganz, in den Daten findet sich auch ein Silberstreif.

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          Von den Nebenwirkungen einer langjährigen Ehe gehört diese zu den unerfreulichsten: Wer erst mal verheiratet ist, treibt deutlich weniger Sport. Die Institution Ehe ist eine pathologische Falle, wer wollte das bestreiten. Und kein regelmäßiger Kirchgang vermag auszugleichen, was die Herausnahme der beiden Beteiligten aus dem Heiratsmarkt an Malaisen nach sich zieht. Wissenschaftler der Universität Heidelberg, die sich auf repräsentative Daten des sozioökonomischen Panels am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und damit auf mehr als 11 000 Befragungen stützen, wollten es genauer wissen. Sie haben sie zwar nicht gezählt, die unvermeidlichen Gefäßverstopfungen, Schlaganfälle, Infarkte, Diabetes- und schweren Rheumafälle, die sich aus der Partnerschaftsstarre ergeben. Aber jeder von uns kennt doch solche Schicksale: Je stabiler die Beziehung und je glücklicher das Paar, desto größer die abdominalen Energiereservoire. Früher hatte man sich als Bauchträger wenigstens noch einreden können, dass in einer festen Beziehung einfach weniger Zeit zum Sporttreiben bleibt. Doch auch mit solchen Ausreden räumen die Soziologen jetzt auf: Die befragten Ehemänner und Ehefrauen hatten im Prinzip die gleiche Freizeit zur Verfügung wie die Singles.

          Nicht jeder, der für das Fitnessstudio zahlt, geht auch regelmäßig hin.

          Die einzig mögliche Erklärung für das behördlich und christlich abgesegnete Bewegungsmangelsyndrom lautet deshalb schlicht und einfach: krank durch Monogamie. Man könnte die Ehe so gesehen als fortschreitenden sexuellen Autismus betrachten, wenn da nicht in der Langzeitstudie auch ein Befund zutage getreten wäre, der zumindest einen Funken Hoffnung lässt. Bei den Männern nämlich ist der Tiefpunkt um Mitte 50 erreicht. Danach schreitet das Phlegma statistisch gesehen nicht weiter voran. Frauen hingegen lassen immer weiter nach mit dem Sport. Für die Soziologen ist das ein Indiz, wie sie in der Zeitschrift „Social Science & Medicine“ schreiben, dass sich „die Frauen dann stärker um die Gesundheit des Partners sorgen und ihn eher motivieren, Sport zu treiben“.

          Nicht die Männer werden also vernünftig, nein, die Frauen opfern sich und entwickeln mit dem Fortschreiten der Nesthockerei ein ausgeprägtes Gespür für demographische Gerechtigkeit. Drastischer ausgedrückt: Damit ihr träger Gatte nicht allzu früh den Abgang macht, tritt sie ihm in den Hintern. An dieser Stelle haben die Forscher leider aufgehört nachzuhaken. Denn was könnte die Ehefrauen wohl zum Bewegungstiften motivieren? Liebe? Die Rente? Oder doch die Chance, den Gatten hoffentlich noch für die Secondhand-Partnerbörse fit zu machen? Egal - wohl dem, der die Richtige findet.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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