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Glosse : Junger Forscher, was macht die Kunst?

Eventuell ist der Doktorhut gar nicht so viel wert wie mitunter betrogen wird, um ihn zu erlangen Bild: IMAGO

Was das Urteil zur W-Besoldung für Nachwuchsforscher ungeregelt lässt: Der Weg in den erlauchten Oberbau bleibt gepflastert von Idealisten und Gescheiterten.

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          Als der Philosoph Paul Feyerabend 1984 sein Werk "Wissenschaft als Kunst"" veröffentlichte, hatte er neben dem Wunsch zur Provokation bei der Wahl des Titels vor allem erkenntnistheoretische Parallelen im Kopf. Weniger scheint er dabei das Ziel verfolgt zu haben, Ähnlichkeiten auch in Bezug auf die Lebensentwürfe von Künstlern und Wissenschaftlern auszuführen. Dass eine solche Analogie zumindest in Bezug auf die Grundlagenforschung aber durchaus aufgestellt werden kann, scheint ein Phänomen zu sein, das so erst in unserer heutigen Zeit überhaupt entstanden ist. Einer Zeit, die gekennzeichnet ist durch eine Überproduktion von wissenschaftlichen Doktoranden bei einem gleichzeitigen Mangel an permanenten Stellen an den Universitäten. Künstler wie Wissenschaftler stehen nun gemeinsam früher oder später vor der Entscheidung, ob sie ihrem Lebenstraum der Grundlagenforschung bzw. des künstlerischen Schaffens alles andere unterordnen wollen, oder ob sie sich von ihrem Traum abwenden zugunsten einer sicheren und finanziell sorgenfreieren Zukunft.

          Für Nachwuchswissenschaftler bedeutet das Festhalten am Traum des universitären Wissenschaftlerlebens für lange Jahre regelmäßige Ortswechsel, kein längerfristig festes Einkommen, Leben im Ausland, oft die Trennung vom Partner. Insbesondere für Forscherinnen bringt all dies im Normalfall außerdem oft das Aufschieben einer eigenen Familiengründung mit sich, eine weit reichende Entscheidung vor dem Hintergrund, dass die endgültige Entscheidung über die berufliche Zukunft hier in Deutschland typischerweise um das vierzigste Lebensjahr herum, und damit im internationalen Vergleich extrem spät, fällt. Nicht zuletzt bedeutet der Traum einer akademischen Zukunft auch, so hart zu arbeiten, dass man sich gegen die vielen Konkurrenten im Wettkampf um die wenigen festen Stellen durchsetzen kann, unabhängig davon, ob man voll oder wie viele nur halb bezahlt wird. Denn ob am Ende der Reihe von Postdocstellen, tatsächlich eine Festanstellung innerhalb der universitären Forschungslandschaft stehen kann, ist heutzutage mehr als unsicher. Gleichzeitig wird die Zahl möglicher Alternativen auf dem Arbeitsmarkt stetig geringer, je länger man seinem Traum folgt und weiterhin zu hoffen wagt. Die Entscheidung für die akademische Forschung erfordert den Mut zum Risiko.

          Der universitäre Nachwuchswissenschaftler schluckt all diese Unannehmlichkeiten, in seiner Einstellung dem idealistischen Künstler nicht unähnlich, allzu oft mit der Leidensbereitschaft des visionär Besessenen. Seine intrinsische Hypermotivation, sein Desinteresse an materiellem Reichtum und Luxus jenseits des eigenen Laptops, seine Erkenntnisliebe und seine Hoffnung, eines Tages doch in den auserwählten Kreis des akademischen Oberbaus aufgenommen zu werden, lässt ihn all dies still erdulden. Er erträgt gesellschaftliche Vorurteile, denen gemäß Wissenschaftler faulenzende Schöngeister sind, die ineffektiv an Dingen arbeiten, die letztendlich sowieso irrelevant sind. Brav wird er immer wieder aufs neue kurz vor Ablauf des befristeten Vertrages präventiv beim Arbeitsamt vorstellig auch wenn er offiziell zur intellektuellen Elite des Landes gehört, um erleichtert aufzuatmen, wenn sich doch wieder ein neues befristetes Projekt ergibt.

          Doch irgendwann, früher oder später kommt der Tag, an dem der Wissenschaftler sich fragt, ob es nicht doch besser gewesen wäre, die eigenen Ideale zu verraten und frühzeitig bei einer Unternehmensberatung angeheuert zu haben, eine Möglichkeit, die der Wissenschaftler dem Künstler freilich voraus hat. Nicht selten geschieht dies, wenn der gealterte Nachwuchswissenschaftler schließlich als überqualifiziertes Mitglied in den Pool der Arbeitslosen aufgenommen wird, beispielsweise weil die sogenannte 12-Jahres-Regel ihm eine weitere Anstellung aus universitären Mitteln versagt. Bei wenigen anderen hingegen ist es der Tag, wenn sie das erste Mal auf ihren professoralen Gehaltsbogen schauen und feststellen, dass sich der steinige Leidensweg auf dem Weg zur wissenschaftlichen Festanstellung finanziell kaum gelohnt hat. Letzteren ist neuerdings durch das Urteil der Karlsruher Richter zur W-Besoldungsfrage geholfen. Den übrigen bleibt nur, mit Lessing zu mahnen: "Prinz, die Kunst geht nach Brot."

          Sibylle Anderl
          Redakteurin im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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