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Das Mer de Glace, die gebänderte Eiszunge unterhalb des Mont Blanc, schmilzt immer weiter und könnte bald seine markante Form verlieren.
Das Mer de Glace, die gebänderte Eiszunge unterhalb des Mont Blanc, schmilzt immer weiter und könnte bald seine markante Form verlieren.

Das Sterben der Eisriesen

Von ANDREAS FREY und BERNHARD EDMAIER (Fotos)
Das Mer de Glace, die gebänderte Eiszunge unterhalb des Mont Blanc, schmilzt immer weiter und könnte bald seine markante Form verlieren.

15. September 2022 · Die Gletscher der Alpen schmelzen so extrem wie nie, zurück bleiben graue Gipfel. Das schwindende Eis führt zu neuen Gefahren. Lassen sich die Gletscher noch retten?

Fiesch im schweizerischen Wallis ist ein zauberhaftes Alpendörfchen. Zahlreiche Bergtouren starten am Fuße der Alpengipfel, eine davon führt zum größten Gletscher der Alpen, dem Großen Aletsch. Doch der Aufstieg zum majestätischen Eisstrom ist kein Kinderspiel, immer wieder kommt es zu Unfällen. Im Frühjahr starb eine Skitourengängerin, als sie in eine Gletscherspalte fiel.

Und die Gefahr in den Hochalpen steigt. Der Aletsch taut – und zieht sich zurück. Noch nie war die Schmelze so drastisch wie in diesem verrückten Wet­terjahr. Spalten öffnen sich im geschundenen Eis, fressen sich tiefer und weiter hinein und legen den nackten Fels frei. Dort, wo sich das kompakte Eis einst tief in den Berg einschnitt, bleiben steile Bergflanken zurück, von denen jederzeit Schutt und Fels zu Tal donnern können. Bröckelnde Berge sind eine weitere Gefahr, der sich Alpinisten aussetzen.

Die Menschen in Fiesch wissen dies, daher beten sie jedes Jahr gegen Steinschlag und Unwetter. Im Jahr 1678 legten die Bewohner sogar das Gelübde ab, tugendhaft zu leben, um das bedrohliche Vorrücken des Aletschgletschers zu verhindern. Von 1862 an, dem Höhepunkt der Kleinen Eiszeit, hielten die Gläubigen eine Prozession ab – in der Hoffnung, dem starken Gletschervorstoß Einhalt zu gebieten. Die Gebete, so könnte man sagen, wurden erhört: In den vergangenen Jahrzehnten zieht sich der Aletsch im Eiltempo zurück. Doch seit sich abzeichnet, dass der Gletscher mehr und mehr verschwindet, drehte man den Bittgang einfach um: Seit zwölf Jahren prozessieren die Bewohner von Fiesch dafür, dass der Gletscher wieder wachsen möge.

Der Große Aletsch ist der größte Gletscher der Alpen. Der Eisstrom hat angesichts des Klimawandels seit 1850 mancherorts 200 Meter an Dicke verloren. Am Horizont sind die Walliser Alpen  mit dem eisfreien Matterhorn zu sehen.
Der Große Aletsch ist der größte Gletscher der Alpen. Der Eisstrom hat angesichts des Klimawandels seit 1850 mancherorts 200 Meter an Dicke verloren. Am Horizont sind die Walliser Alpen mit dem eisfreien Matterhorn zu sehen.

Doch der Aletsch wächst nicht mehr. Er zerfließt. Die Schmelze hat sich in den letzten Jahren immer weiter beschleunigt. Als Matthias Huss Anfang Juli den Aletsch außerplanmäßig besuchte, konnte der Glaziologe von der ETH Zürich den Schwund schon von weitem sehen. Der breite Eisstrom sah blank aus, die Schneedecke des Winters war bereits verschwunden, die Sonne knallte direkt aufs Eis. Zudem sammelte sich Schutt der Bergflanken auf diesem und beschleunigte die Schmelze zusätzlich.

Huss leitet das schweizerische Gletschermessnetz Glamos. Dieses Programm und das der Vorgängerorganisation vermessen die Eisriesen der Schweiz mit ähnlichen Methoden seit 140 Jahren. Seit fünfzehn Jahren erklimmt Huss zweimal im Jahr ausgewählte Schweizer Berge, um die Gletscher zu vermessen. Normalerweise rückt er immer am Winter- und Sommerende mit seinem Team aus, um den Zustand der Eisriesen zu untersuchen. Dazu bohren die Forscher im Herbst an bestimmten Stellen des Gletschers Messstangen meterweit in das Eis. War das Jahr sehr heiß, ragen sie ein Jahr darauf wie Kerzen aus einer Torte. An der Position erkennt der Glaziologe dann, wie viel Eis im Sommer getaut ist und wie sich die Massenbilanz eines Eispanzers verändert hat.

Und diese Massenbilanz ist seit den Achtzigerjahren durchweg negativ. Die Schneefälle im Winter kompensieren die Schmelze des Sommers längst nicht mehr. In einer aktuellen Studie in der Fachzeitschrift Cryosphere, an der auch Matthias Huss beteiligt ist, rekonstruieren Schweizer Forscher den Gletscherschwund des 20. Jahrhunderts. Der traurige Befund: Zwischen 1931 und 2016 hat sich das Volumen der Schweizer Eisriesen halbiert.

Mittlerweile dürfte noch deutlich mehr Eis verschwunden sein. In diesem Sommer ragten die Stangen teilweise schon im Juni aus dem Eis, die starke Schmelze bedrohte die Messung. Hätten die Forscher, wie üblich, bis September gewartet, wären die Stangen einfach umgefallen. Daher musste Huss’ Team schon im Juni auf die Gletscher steigen, um die Stangen noch tiefer im Eis zu versenken. Der Glaziologe kennt die Schweizer Gletscher eigentlich wie kaum ein anderer. Aber in diesem Sommer hat er sie nicht wieder erkannt. Dabei ist ihm der Anblick geschundener Eismassen nicht fremd: Matthias Huss hat Dutzende schmelzende Gletscher gesehen, zahlreiche extreme Jahre in den Alpen erlebt, aber keines sei so desaströs wie 2022 gewesen, sagt er. „Das war der erste Sommer, in dem ich richtig beunruhigt war.“


„Wir haben Schmelzraten gemessen, die ich nicht für möglich gehalten hätte.“
Matthias Huss, Glaziologe

So wie auf dem Aletsch ist es fast überall in den Alpen. Viele Gletscher hatten ihre Schneeschicht ein bis drei Monate eher als gewöhnlich verloren, das große Tauen hat früh eingesetzt. „Wir haben Schmelzraten gemessen, die ich nicht für möglich gehalten hätte“, erzählt Matthias Huss. Und er hat bei sich gedacht: Was passiert hier oben, wenn der Sommer so heiß und trocken weitergeht?

Eine Vorahnung, wie schlimm es dieses Jahr für die Gletscher werden könnte, hatte er schon im März. Als er für die Wintermessung das erste Mal in die Berge aufbrach, war da viel zu wenig Schnee. Schlecht für die Gletscher: Denn das weiße, fluffige Material wirkt wie eine Decke, reflektiert die Sonnenstrahlen und schützt so das Eis. Fällt im Winter zu wenig Schnee oder schmilzt er zu früh, ist der Gletscher der sengenden Sommersonne schutzlos ausgeliefert. Zum Leid der Gletscher legte sich im Spätwinter auch noch eine massive Schicht aus Saharastaub auf die Schneedecke, die das Abtauen beschleunigte.

Die Eiszunge des Gletschers Unteres Eismeer wird dünner. Ein See liegt auf einer Felsstufe, die 2010 noch von Eis bedeckt war.
Die Eiszunge des Gletschers Unteres Eismeer wird dünner. Ein See liegt auf einer Felsstufe, die 2010 noch von Eis bedeckt war.

Besonders wenig schneite es im Winter auf der Alpensüdseite. Bei seinen Touren ist Huss durch Passagen gegangen, wo sich der Schnee in den Vorjahren meterhoch auftürmte. Dieses Jahr allerdings fand er selbst auf 3500 Meter Höhe nur eine dünne Schneedecke vor. Und er wusste: Es braucht nur eine Hitzewelle, und der Schnee ist sofort weg. Mitte Mai wurde es dann brütend heiß.

Der letzte Frühlingsmonat sei besonders wichtig, sagt Matthias Huss, der Mai entscheide über die Schneeschicht, mit der die Gletscher in die Sommermonate starten. Doch der Endlossommer 2022 nahm schon im Wonnemonat Anlauf, bis Ende August lagen die Temperaturen dann im gesamten Alpenraum weit über dem Durchschnitt. Regen fiel kaum, Schnee ohnehin nicht. Kein einziges Mal kam es zu einem späten Wintereinbruch, wie er in den Hochlagen eigentlich bis in den Juli hinein typisch ist. Sogar Nachtfröste waren vergleichsweise selten.

Die traurige Bilanz dieses Horrorjahres war eine beispiellose Schmelzrate. Sie lag dreimal so hoch wie sonst, schlimmer noch als 2003, sagt Matthias Huss. „Ein Jahr wie 2022 hätte ich für Mitte des Jahrhunderts erwartet“, sagt Huss. Aber nicht so früh. Bis vor einigen Monaten hätte er den Schmelzraten der Klimamodelle nicht getraut. Jetzt sind die pessimistischsten Modellsimulationen eingetreten.


„Ein Jahr wie 2022 hätte ich für Mitte des Jahrhunderts erwartet.“
Matthias Huss, Glaziologe


„Schlechter hätte das Jahr nicht laufen können“, fasst Matthias Huss zusammen. Genau darin liegt für den Wissenschaftler auch die Chance, zu verstehen, wie die unerwartet hohen Werte zustande kamen, und Lehren für die Zukunft ziehen. Aktuell erarbeitet er mit seinem Team die exakten Zahlen der Massenbilanz, Ende September wird abgerechnet.

Im Sommerurlaub habe sich Huss merkwürdig gefühlt, seine Gletscher zurückzulassen. Als er Ende Juli schließlich wieder zurück in der Schweiz war, traute er im heimischen Garten seinen Augen nicht. Das Vrenelisgärtli, auf das er blickt, seit er ein Kind ist, hatte erstmals keine weiße Haube mehr. Schnee und Eis auf dem 2915 Meter hohen Massiv waren vollständig abgeschmolzen. Nun war da kein leuchtendes Feld mehr auf dem Gipfel, sondern nur noch ein schwarzer, düsterer Berg, sagt er. Ein ungewohnter Anblick zwar, aber einer, an den er sich wohl gewöhnen muss. Die Zukunft der Alpen ist schwarz.

Sterbebegleitung nennt Huss seine Touren ins Eis. Das klingt scherzhaft, soll aber als Mahnung verstanden werden. Vor drei Jahren beerdigte er den Pizolgletscher in der Ostschweiz. Das war sein liebster gewesen. Am Fuße des in Eisreste zerfallenen Gletschers hielt er eine Trauerrede und machte auf das Verschwinden vieler kleiner Gletscher aufmerksam, die trotz größter Klimaschutzanstrengungen nicht mehr zu retten sind. Der Klimawandel fordert die ersten Opfer, er frisst die Gletscher, sollte das heißen. Insofern kann man Matthias Huss auch als Botschafter der Gletscher verstehen.

Oder eben als Bestatter. Ende August kletterte er auf den Corvatsch im Engadin, um die Messstangen tiefer zu bohren. Selbst auf über 3000 Meter Höhe hatte der Gletscher eine Schicht von fast sechs Metern verloren, etwa das Doppelte des bisherigen Rekordwerts, sagt Huss. Das Messprogramm wird er dort aufgeben, es habe keinen Sinn mehr.

Abschied von ihren Gletschern nehmen Glaziologen auch in den Nachbarländern. In den Bayerischen Alpen liegen drei der fünf Gletscher schon länger im Sterben, 2022 könnte ihr definitives Ende markieren. Der Watzmanngletscher und das Blaueis im Berchtesgadener Land haben es streng genommen schon hinter sich, jetzt könnte auch der Südliche Schneeferner auf dem Zugspitzplatt dran glauben. Der einst stolze Gletscher ist zu mickrigen Eisresten zusammengeschmolzen, sein Ende naht.

Ein türkis erscheinender Schmelzwasserfluss zieht am Gornergletscher zwischen Felsblöcken über das Gletschereis.
Ein türkis erscheinender Schmelzwasserfluss zieht am Gornergletscher zwischen Felsblöcken über das Gletschereis.

Ähnliche Bilder gibt es aus Frankreich und Norditalien, und auch in Österreich waren von einigen Gletschern in der Silvretta-Gebirgskette diesen Sommer nur noch Reste übrig. Vom ewigen Eis ist nur noch Toteis übrig – so nennen Glaziologen Eisblöcke, die beim Schmelzen abbrechen und dann keine Verbindung mehr zum Gletscher haben. Denn ein Gletscher muss sich fortbewegen, um einer zu bleiben, sonst ist er Geschichte. Und diesem Schicksal sind viele Gletscher näher, als man lange gedacht hätte. Unterhalb von 3500 Metern Höhe werden die meisten Eismassen nicht überleben.

Von einem „noch nie zuvor beobachteten Ereignis“ spricht daher auch Andrea Fischer vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck. Alle Gletscher hätten stark gelitten, berichtet sie, unabhängig von Größe und Höhenlage. Am stärksten seien die Verluste im Westen und Süden des Landes, schlechter als im Norden und Osten. Am Jamtalferner an der Grenze zur Schweiz beträgt der Eisverlust aktuell vier Meter, der bisherige Höchstwert lag bei nur einem Meter.

Schon jetzt sei der Extremsommer 2003 getoppt, sagt Andrea Fischer, und die Lage könnte sich weiter verschlimmern, denn ein Ende der Schmelze sei nicht in Sicht. Auf ihren Messtouren ins Gebirge hat sie beobachtet, wie sich unterhalb der Gletscherzungen Hohlräume gebildet haben und wie sich die Eisränder vom Untergrund abheben – als Folge verringerter Fließgeschwindigkeiten, wie sie sagt. Felsinseln tauchen in den ehemals geschlossenen Eisflächen auf, was den Zerfall weiter beschleunigt. Der Sommer habe ihr viel Arbeit und Kopfzerbrechen bereitet, erzählt sie.

Welche Gefahren entstehen, hat sich an der Marmolata in den Dolomiten gezeigt. Teile des Gletschers haben sich dort Anfang Juli gelöst und sind Richtung Tal gedonnert, elf Bergsteiger kamen ums Leben. Dieser Eisbruch sei ungewöhnlich gewesen, sagt Fischer. Üblicherweise treten sie im steilen Gelände auf, wenn das Eis durch den Gletschervorstoß abbricht. Seit fünf Jahren beobachtet Fischer aber einen anderen Mechanismus. Es bilden sich subglaziale Hohlräume, die früher vom fließenden Gletscher einfach zugeschoben wurden. Jetzt, da viele Gletscher stationär sind, breiten sich die Hohlräume aus. Dringt dann die Sonne durch das dünner werdende Eis, erwärmt sich der Boden und das Eis schmilzt nicht nur von oben, sondern auch von unten. Das Fatale an diesem Vorgang ist, dass er sich von außen nicht erkennen lässt. Weder bilden sich Risse, noch knackst das Eis. Doch wird der Hohlraum im steilen Gelände irgendwann zu groß, stürzen die Eisbrocken in die Tiefe. Ohne Vorwarnung schießt dann ein Eis-Wasser-Schutt-Gemisch zu Tal. Seit es in den österreichischen Alpen Aufzeichnungen über Gletscher gebe, habe man solche Situationen noch nie beobachtet, sagt sie. Und die gebe es immerhin seit dem Mittelalter.

Der neue See am Rande des Rhonegletschers wächst von Jahr zu Jahr. Die treibenden Eisberge sind von der Gletscherfront abgebrochen.
Der neue See am Rande des Rhonegletschers wächst von Jahr zu Jahr. Die treibenden Eisberge sind von der Gletscherfront abgebrochen.

Doch nicht nur die Gletscher werden Opfer der schwitzenden Alpen, sondern auch der Permafrost, der die Berge wie ein Kitt zusammenhält. Von 2500 bis 3000 Metern aufwärts sind die Alpengipfel tiefgefroren. Der Permafrost verbackt Fels, Stein und Geröll, verleiht den Bergen Halt und Stabilität. Doch jetzt tauen die Berge schneller und früher als je zuvor – und zerfallen. Größere Felsstürze und Rutschungen häufen sich – die Gefahr am Berg steigt.

Davor warnt auch Matthias Huss. Und er macht sich Sorgen über die geweiteten Gletscherspalten im Winterhalbjahr. Sollte viel Schnee fallen, würden die Spalten nach und nach zugedeckt. Dennoch ist er auch optimistisch, jedenfalls auf lange Sicht. Das Schicksal der Gletscher sei nicht so aussichtslos, wie es das Jahr 2022 nahelege, sagt er. „Ein Drittel der Gletscher können wir retten.“ Die Voraussetzung dafür ist allerdings konsequenter Klimaschutz – und zwar sofort. Sonst zerfließen die Eisriesen nach und nach und werden ins Meer geschwemmt. An der Gletscherfront bilden sich dann Seen, bis zu 683 davon könnten bis zum Ende des Jahrhunderts in den Alpen entstehen. Einen der größten Seen würde man am Aletsch finden, wahrscheinlich schon in zwanzig Jahren. Anderthalb Quadratkilometer groß und bis zu 300 Meter tief. Das wäre womöglich schön anzusehen, denkt Huss, aber Eis wäre ihm lieber. 

Die hier abgebildeten Fotos stammen aus dem Bildband „AlpenEis – Gletscher und Permafrost im Klimawandel“ von Bernhard Edmaier und Angelika Jung-Hüttl, 224 Seiten, erschienen 2022 im Rother Bergverlag.

F.A.Z.-Serie Schneller Schlau Keine Hoffnung für Gletscher?
Tauende Antarktis Impulsive Eismassen
Eine Müllhalde Himalaya-Expedition



Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 15.09.2022 14:37 Uhr