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Gleichberechtigung : Geht’s auch weniger männlich?

Aufgeplustert zieht: Der Pfauen-Effekt ist auch in Naturkundesammlungen tief verwurzelt. Bild: dpa

Überall diese Unwucht, nicht einmal in den großen Hallen der Evolution sind die Geschlechter gerecht verteilt. Überhaupt die Forschung: männlich geht vor. Geht es auch anders? Eine Glosse.

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          Die finale Gleichberechtigung der Geschlechter darf man wie die Klimagerechtigkeit getrost zu jenen großen Menschheitsaufgaben zählen, deren Verwirklichung im Hier und Jetzt von interessierter politischer Warte aus als kaum zu stemmen gilt. Dazu sind alle Heutigen einfach noch zu verstrickt in die Ungleichbehandlung.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Dass etwa bei der Entwicklung kugelsicherer Westen wie selbstverständlich erst mal nur an Männer gedacht, und bei Autounfalltests immer wieder mit männlichen Dummypuppen getestet worden sein soll, spricht schon Bände. Aber das sind ja keineswegs bloß Ausreißer der Moderne. In den naturkundlichen Sammlungen der Welt, die mit stolzgeschwellter Brust das gesamte Spektrum organismischer Pracht unseres Heimatplaneten ausstellen, sind es wiederum die Männchen, die seit jeher von den Sammlern bevorzugt wurden.

          Bei den Vögeln überwiegen die männlichen Ausstellungsexemplare mit sechzig Prozent die weiblichen deutlich, wie eine Auswertung des Londoner Natural History Museum von zwei Millionen Belegexemplaren in fünf großen Naturkundemuseen ergeben hat. Die Geschlechterbilanz, so das Fazit der Studie, habe sich in den vergangenen 130 Jahren nicht wesentlich verändert. Gesammelt und ausgestellt wird am liebsten, was dick aufträgt – in Farbe, Gestalt, Größe oder eben im Verhalten. Denn die Auffälligen sind in freier Wildbahn nicht nur leichter zu entdecken und zu fangen, sondern auch als Schauobjekt attraktiver. Bei den Typusexemplaren, die meistens die Erstfunde und damit taxonomische Referenz für die jeweilige Art sind, ist die Schieflage besonders krass: Nur 25 Prozent der Vogel-Typen und 39 Prozent der Säugetier-Typen sind als weiblich identifiziert worden.

          Die Geschlechterunwucht ließe sich beliebig von den Museen zu den Laboren und den Kliniken fortsetzen: Seit Jahrzehnten sind männliche Versuchstiere (der hormonellen Besonderheiten der Weibchen wegen) bevorzugt, und auch in vielen klinischen Studien gibt es traditionell die Tendenz, die komplexere weibliche Physiologie als Störfaktor wann immer möglich auszuschalten. Wertvolle Einsichten gehen so leider verloren. An der University of Richmond beispielsweise haben Psychologen neben elf männlichen Ratten sechs Weibchen (wieso eigentlich nicht genauso viele?) das Autofahren beigebracht.

          Mit dem gläsernen Mini-E-Vehikel („Rattenauto“) wollte man herausfinden, wie die Tiere die Herausforderung annehmen, an drei Hebeln ihr Gefährt selbständig zum nächsten Leckerbissen zu steuern. Resultat: Die Nager hatten erstaunlich schnell den Dreh raus und großen Spaß offenbar obendrein. Geschlechterunterschiede: null. Und jetzt kommen Sie nicht mit der Frage, ob man auch das Einparken geübt hat.

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