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„Darm mit Charme“ von Giulia Enders : Vom Bäh zum Wow

  • -Aktualisiert am

Für den Verdauungstrakt sollte man sich schon ein Freisemester nehmen: Giulia Enders nimmt den Lesern die Berührungsängste vor dem Darm. Bild: Wonge Bergmann

Wie hat man es zu verstehen, wenn eine junge, hübsche Frau über den Darm zu sich selbst gefunden hat? Giulia Enders hat einen Bestseller über ein unterschätztes Organ geschrieben. Eine Nachuntersuchung.

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          Ein Gespräch mit Giulia Enders über ihr gerade erschienenes Buch „Darm mit Charme“ beginnt natürlich erst einmal mit Rechtfertigungen: „Beim Darm hat man die größte Stufe zu nehmen – vom Bäh zum Wow“, räumt die 24 Jahre alte Medizinstudentin in einem Café in Frankfurter Stadtteil Bockenheim unweit ihres Studentenwohnheims ein. Sie hat sich trotzdem den Darm als Thema ausgesucht und nicht das Herz, die Lunge oder die Nebenniere – Organe, über die auch noch lange nicht alles gesagt ist, deren Image aber deutlich sauberer ist als das des meterlangen Verdauungsschlauches, der mit dem totgeschwiegenen Anus endet.

          „Ich konnte früher auch nicht ohne Probleme auf öffentliche Toiletten gehen“, sagt Enders. „Mit Tabus kann man aber besser umgehen, wenn man mehr Wissen zur Verfügung hat.“ Wer den Darm eklig finde, denke eben meistens an Stuhl und Krankheitserreger. Deshalb habe sie sich in ihrem Buch auf die positive Rolle der Darmkeime konzentriert, die unsere Nahrung überhaupt erst nutzbar machen. Der Darm sei auch mit Scham behaftet, weil viele Menschen glaubten, ihn zu oft mit ungesundem Essen zu füllen, sagt Enders. In ihrem Buch wolle sie dagegen zeigen: Ein bisschen Fast Food ist erlaubt. „Wenn ich sonst genug Gutes esse, hält das Maschinchen das aus.“

          Darm ohne Scham

          Mit Charme also ein Ende der Scham erreichen – dass viele Menschen darauf hoffen, durch die Lektüre des Buchs soweit zu kommen, zeigen die beachtlichen Verkaufszahlen: Nach zwei Wochen waren schon sechzigtausend Exemplare ausgeliefert, das Buch steht inzwischen auf Platz eins der Bestsellerliste Paperback-Sachbuch. Im Schnellverfahren musste daraufhin auch Giulia Enders selbst alle Scham im Hinblick auf Verdauungsvorgänge ablegen. In Zeitungs- und Fernsehinterviews muss sie sich jetzt immer wieder fragen lassen, wie „kacken“ genau funktioniert oder, ob „Pupse“ ihr persönlich peinlich sind. Sie antwortet auf so etwas schlagfertig und gelassen. Schließlich hat sie solche Fragen schon in den achtzehn launigen Kapiteln von „Darm mit Charme“ unverklemmt geklärt.

          Vielleicht fällt es Enders auch leicht, über diese Tabus zu sprechen, weil sie auf der Bühne damit begonnen hat. „Darm mit Charme“ war ursprünglich der Titel eines Vortrags, mit dem sie im Jahr 2012 den ersten Preis bei drei Science-Slams gewann, Veranstaltungen, in denen junge Wissenschaftler vor Publikum ein Projekt unterhaltsam vorstellen. Der Youtube-Clip von ihrem Auftritt wurde ein Hit. Die Berliner Literaturagentin Petra Eggers wurde auf sie aufmerksam und schlug ihr vor, aus ihrem Science-Slam-Auftritt ein Buch zu machen. Giulia Enders nahm ein Urlaubssemester und schrieb zehn Monate lang.

          Wer sie in den Clips auf Youtube gesehen hat, wo sie mit erstaunlicher Energie und Präsenz ihren Vortrag hält, ist überrascht, wie klein und zierlich sie in Wirklichkeit ist. Dieser unerwartete Gegensatz ist Teil ihres Erfolgs: Eine mädchenhaft hübsche Studentin erklärt nicht nur die letzten Tabus, sondern auch die großen Geheimnisse des menschlichen Körpers – und zwar bis hinein in harte molekularbiologische Details. Enders‘ Stil dabei ist hocheloquent, manchmal schnoddrig, immer präzise. Nur manchmal lässt sie den lockeren Plauderton beiseite und gibt beinahe zärtlichen Gefühlen für das verkannte Bauchorgan nach: „Wer die Chance hatte, sich mittels einer kleinen schluckbaren Kamera auf den Weg durch den Dünndarm zu machen, ist meist überrascht“, schreibt Enders. „Statt auf einen düsteren Schlauch trifft man auf dieses andersartige Wesen: wie Samt glänzend, nass und rosa und irgendwie zart.“

          Giulia Enders hat sich mit ihrem Thema auf vergleichsweise unerforschtes Terrain gewagt; die wissenschaftliche Erkundung des Darms steckt noch in den Kinderschuhen, gerade im Hinblick auf das Nervensystem des Darms oder auch seine Rolle für die psychische Gesundheit. Inspirationsquelle war ihr vor allem PubMed, eine riesige Internetdatenbank für naturwissenschaftliche Publikationen. Sie kontaktierte auch einige hochrangige Wissenschaftler. „Von den fünf, die ich anschrieb, hat mir keiner zurückgeschrieben. Das war ein hartes Erwachen. Dann habe ich mir gesagt: Okay, dann muss ich das hier jetzt mal allein machen.“

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