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Kommentar zur Biopolitik : Gesetzesfrust um Embryonen und Gene

Eizelle vor dem Kerntransfer: Der weiße Pfeil zeigt das sichtbare Erbmaterial, das zum Klonen entfernt wird. Bild: Cloning and Stem Cells

Eine „heiße Kartoffel“, das ist Biopolitik heute. Klonen, Stammzellen, Gentechnik - nichts mehr wird in Berlin angefasst, obwohl selbst einfache Begriffe wie Embryo längst ungeklärt sind. Und die Forscher? Sie tun und jammern schüchtern.

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          Manchmal wirkt es schon putzig, wenn Wissenschaftler versuchen, der Politik auf die Füße zu treten. Seit Jahren etwa gibt es einen Reformstau, wenn es um die Regulierung der Biomedizin und Gentechnik geht. Das Embryonenschutzgesetz etwa hat es inzwischen zu einem Status der politischen Unantastbarkeit gebracht.

          Eine Rechtssicherheit im Embryonenschutzgesetz gibt es nicht mehr, seitdem die „Totipotenz“, das zentrale Kriterium für den Embryonenschutz, praktisch jeder beliebigen Zelle unseres Körpers eigen ist. Totipotent sind Zellen, wenn ihr Entwicklungspotential ausreicht, ein neues Individuum, also einen Menschen, daraus herzustellen. Seitdem Zellen nach Belieben in der Petrischale reprogrammiert und zumindest vorübergehend auch in totipotente Stadien überführt werden können, steckt in jeder Hautzelle quasi ein potentieller Embryo. Ein Forscherquartett um Peter Dabrock von der Universität Erlangen-Nürnberg hat nun in einem medizinethischen Aufsatz mit dem Titel „Abweg Totipotenz“ deutlich gemacht, dass der neuen biowissenschaftlichen Realität mit Klonen und Stammzellen praktisch nur noch mit einem neuen „Biomedizingesetz“ beizukommen ist. Haben nicht schon vor Jahren große Forschungsorganisationen mit Hinweis auf die embryonale Begriffskonfusion nach einem „Fortpflanzungsmedizingesetz“ gerufen?

          Gentechnik im Griff?

          Es ist wieder so weit. Nur wird heute wie damals die berechtigte Forderung in Wissenschaftsjournale und damit in akademische Watte gepackt. Politisch bleibt das Thema in der Schmuddelecke. So wie auch die längst gebotene Reform des Gentechnikgesetzes, die nun von der Nationalakademie Leopoldina in einer Stellungnahme eingefordert wurde. Das Gentechnikgesetz sei inzwischen weder „praktikabel“ noch „zweckmäßig“. Und für die Durchsetzung eines Verbots der grünen Gentechnik völlig ungeeignet. Der Grund: Inzwischen gibt es gentechnische Methoden, die im Ergebnis praktisch nicht von konventionellen Züchtungsverfahren zu unterscheiden sind. Die Politik lässt das kalt, ebenso die Medien. Das akademische Versteckspiel geht also munter weiter. Wie soll sich die Politik da für die Probleme der Wissenschaft interessieren? Oder warten doch alle auf einen Skandal?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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