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Glosse: Kennzeichnung? : Gene ohne Ruh

Genbann Bild: ddp

Ein Petitionsaufruf an den Bundestag: Alle Lebensmittel kennzeichnen, die mit Gentechnik in Berührung kamen. Gewinnt man so Freunde?

          Wenn wir uns für einen Moment das Wissen tatsächlich als Berg vorstellen, der gar nicht aufhören will, täglich schneller zu wachsen, dann müssen wir uns mindestens einen zweiten Berg dazudenken, der all das Unwissen und die Vorurteile enthält, die als Verpackungsmaterial dienen oder als leichtverderblicher Unrat vom Wissen abfallen. Für Goethe jedenfalls lag auf der Hand, was für die Genforscher heute einfach nicht zu verstehen ist: Das Wissen wächst, die Unruh wächst mit ihm. Es sollte also eigentlich gar niemanden wundern, wenn die Leute skeptisch werden, sobald man ihnen mitteilt, dass in die Tomate ein Lachsgen eingepflanzt worden ist. Insgeheim wissen das natürlich längst auch die Gentechniker. Es ist für sie nur schwer zu verdauen. Und auch die Verdauungshilfe durch die Philosophie, wie sie jüngst in „Trends in Plant Science“ nachzulesen war, dürfte die Freunde des Wissens da nicht milder stimmen. Jedenfalls nicht, wenn das Ergebnis lautet: Tut uns leid, aber die von den Gegnern genutzten kognitiven Ressourcen sind nahezu un überwindbar - eine Mischung aus „Volksbiologie, religiöser Intuition und angeborenen Gefühlen wie Ekel“, die im Gehirn „Vorstellungen über unnormale und toxische Genprodukte“ hervorbringen. Ganz klar: Bauchgefühl und unsere Gene stehen dem Forschritt entgegen, die menschliche Natur in toto.

          Ein Vierteljahrhundert Verzweiflung

          Das wäre wohl noch zu ertragen für die Wissenschaften, wenn wenigstens ein Ende abzusehen wäre. Wenn man irgendwann anfangen könnte, den Berg des Unrates abzubauen. Im fünfundzwanzigsten Jahr nach dem Start der ersten Gentechnik-Freilandversuche hierzulande spricht allerdings wenig dafür. Die Feldschlachten um die lachsroten Gen-Petunien von Köln-Vogelsang sind längst geschlagen, mein damaliger Chef, der sich energisch über den Nutzen der ominösen Petunienexperimente für die Herzmedizin erkundigte, ist am Infarkt gestorben, und die soziologische Risikoforschung einen ganzen Schritt weiter. Subjektive Ängste, belehrten uns vor kurzem Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der Universität Konstanz in „PNAS“, können durch intensiven sozialen Austausch sehr wohl verstärkt werden. Der alte Kettenbriefeffekt. Je länger die Mitteilungskette, desto falscher und verheerender die Botschaft. Auch von dieser Seite menschlichen Kommunikationsbrauchtums dürfen sich die Genforscher also wenig erhoffen. Gegen intuitive Wissensverzerrung ist kein Kraut gewachsen. Es sei denn, hält nun das „Forum Grüne Vernunft“ dagegen, ein lupenreiner Freundeskreis der grünen Gentechnik, man zerrt kräftig mit - nur halt vom anderen Ende her. Die Disziplin lautet: Tauziehen um die Gentechnik-Kennzeichnung.

          Mit der soeben angelaufenen Petition Nummer 58757, Stichwort Verbraucherschutz, will das Forum erreichen, dass endlich auch vom Gesetzgeber öffentlich vermerkt wird, was die Anwälte des genetischen Wissens seit Jahr und Tag predigen: Dass zwei Drittel der Lebensmittel in den Regalen - genfreie Zonen hin oder her - so oder so mit der Gentechnik in Berührung gekommen sind. Ergo: Genlabel auf alles quasi. Sollte das mit dem Bauchgefühl in unserem Kopf stimmen, müssen wir nach dieser Konfrontationstherapie wohl mit dem Schlimmsten rechnen: Bald schon rührt dann keiner mehr das Essen an, geschweige denn Waschmittel oder Arzneien. Die Leute muffeln und siechen vor sich hin, Deutschland verhungert. Aber immerhin, alle wissen dann endlich Bescheid.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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