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Gen-Experimente : Dieser Embryo gehört nicht zu uns

14 Woche alter menschlicher Embryo in der Fruchtblase. Bild: Photo © Luisa Ricciarini

Im Labor erfindet sich der Mensch neu, rasend schnell. Es geht um unsere Evolution und die Zukunft unserer Spezies. Kann die Biopolitik da noch folgen? Hört man Forschern, Juristen und Philosophen zu, sind Zweifel angebracht.

          Sie sprechen von Straßenschwellen, aber sie möchten, dass es so aussieht wie eine Mauer, eine hohe Schutzmauer: 18 Genforscher und Ethiker aus sieben Ländern haben in der jüngsten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Nature“ einen Aufruf für ein internationales Moratorium veröffentlicht, in dem möglichst weltumspannend – durch „freiwillige Selbstverpflichtungen“ – geregelt werden soll, dass Eingriffe in die menschliche Keimbahn „vorerst, keineswegs permanent“ unterbleiben. Verhindert werden sollen also vererbbare genetische Veränderungen in Keimzellen oder in Embryonen – Veränderungen mithin, die nicht nur die genetische Konstitution eines Menschen, sondern ganzer Familien über Generationen hinweg und in der Konsequenz auch menschlicher Populationen und unserer Gattung verändern könnten.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Das gentechnische Werkzeug dafür, quasi der Auslöser dieser (nicht einmal allerersten, aber sehr prominent besetzten) Initiative gegen Keimbahn-Eingriffe, ist der unheimliche Siegeszug neuer molekularer „Gen-Scheren“ wie Crispr-Cas in den Laboren weltweit. Mit diesen Werkzeugen könnten verheerende Erbleiden dauerhaft korrigiert werden – aber eben längst nicht nur genetische Defekte.

          „Unser Vorschlag“, schreiben die Gelehrten in ihrem Moratoriumsaufruf, „wird sicher geeignet sein, mächtige Straßenschwellen aufzubauen vor den abenteuerlichsten Plänen, die menschliche Spezies umzuformen.“

          Ein Forscher entfernt die Kältespeicherscheide aus einem Behälter für einen Embryo in einem Labor.

          Man kann in diesen letzten Sätzen des vierseitigen Dokuments erkennen, dass es nicht nur darum geht, die Technik vor der breiten Anwendung zu verbessern oder das angebrochene biotechnische Zeitalter generell zu entschleunigen – und damit unverantwortliche, weil unsichere, übereilte Menschenexperimente zu unterbinden, wie sie vor Monaten etwa durch den chinesischen Genforscher He Jiankui bekanntgemacht wurden. Es schwingt in solchen Sätzen auch die Sorge ums große Ganze mit: Hilfe, wir dürfen die Kontrolle über unser Selbst nicht verlieren. Denn eines ist klar: Gen-Editierer, Klonforscher und Stammzelldesigner haben in den vergangenen Jahren eine neue ingenieurwissenschaftliche Disziplin hervorgebracht, die noch nirgends gelehrt wird und doch schon Realitäten verändert: „Human-Engineering“ definiert das Menschsein neu. Der Mensch ist mit ihr zum Designer seiner eigenen Evolution geworden – und selbst zum Designobjekt. Natürlich nicht aus einer akademischen Laune heraus. Immer stehen humane, altruistische Absichten an erster Stelle. Heilen und Therapieren treiben die Humaningenieure immer vehementer voran. Am Ende aber sind sie damit auch in völlig exotische Gefilde der Bioethik und Biologie getragen worden, in denen nicht einmal mehr die Wissenschaftler und Philosophen selbst festlegen können, wo das Menschsein anfängt und wo es aufhört.

          Der manipulierbare Embryo

          Spezies Mensch – schon mit dem Begriff beginnt das Dilemma. Bei einem Workshop der Katholischen Universität Eichstätt, der vor einiger Zeit unter dem Titel „Der manipulierbare Embryo“ ein gutes Dutzend Fachleute in Frankfurt zusammengebracht und sich zum Ziel gesetzt hat, Empfehlungen an die Biopolitik zu richten, ging es genau darum: zu klären, was „menschlich“ in bioethischer Hinsicht heute eigentlich noch heißt. Zu bestimmen, wann das, was die Bioingenieure in ihren Laboren erzeugen, als „Mensch wie wir“ zu gelten hat oder eben als Artefakt – als künstlich geschaffene biologische Entität, der – mit allen juristischen Konsequenzen – das Menschsein doch besser abgesprochen werden sollte.

          Dass die Bestimmung des Menschseins auch ohne die massiven Eingriffe der Bioingenieure gar nicht so einfach ist, wurde sehr schnell deutlich. Denn der Begriff Spezies selbst steht mittlerweile zur Disposition. „Es gibt in der Philosophie der Biologie die eindeutige Tendenz, den Speziesbegriff fallenzulassen“, stellte etwa Markus Rothhaar aus Eichstätt fest. Äußere Merkmale, morphologische Eigenheiten und Abstammungsgründe eigneten sich nicht mehr zur Abgrenzung. „Lange hat gegolten: Mensch ist, wer von einer Frau geboren wird. Das ist nicht mehr so klar“, so Rothhaar. Tatsächlich entstehen in den Laboren inzwischen durch Transfer von menschlichem und tierischem Gen- und Zellmaterial, durch Reprogrammierung und durch die Verschmelzung von Zellen unterschiedlicher Herkunft biologische Substrate, die in der Petrischale häufig nicht nur wie „menschliche“ Embryonen gedeihen, sondern – beispielsweise durch Austragen in einer artfremden Amme – auch im Hinblick auf die Geburt einen zweifelhaften Status als Chimäre einnehmen können.

          Neues Leben aus der Petrischale? In klassischen Reproduktionskliniken schon Routine.

          Die moderne Biologie hat auf die Frage, wie die Spezies Mensch zu definieren ist, jedenfalls keine befriedigenden Antworten parat. Das machte der Bochumer Physiologe Klemens Störtkuhl deutlich: „Der DNA-Sequenzvergleich als Marker für eine Spezies ist ungeeignet. Wir können nicht genau benennen, was spezifisch ist in der Menschentwicklung.“ DNA-Kenntnisse trennen nicht, sie lassen die Grenzen verschwimmen. Mensch und Schimpanse etwa, zwei unterschiedliche Arten, keine Frage, sind lediglich in 0,01 Prozent der DNA-Sequenzen verschieden. „Was wäre, wenn dieser geringe Anteil an nichtmenschlicher DNA-Sequenz durch sogenannte menschliche DNA aufgefüllt würde“, fragte der Philosoph Thomas Heinemann aus Vallendar wo seien solche konstruierten Zellen zu verorten: noch beim Affen oder ab wann beim Menschen?

          Wieso aber hat die Spezieszugehörigkeit ein solches Gewicht? Weil sie juristisch so entscheidend ist. Das Embryonenschutzgesetz etwa, das traditionell als die rechtliche Mauer gesehen wird, die den Menschen und seine Würde gegen Eingriffe schützt und im Sinne Jürgen Habermas, unsere Gattung vor einer Selbsttransformation schützen soll, dieses Gesetz regelt eindeutig nur den „menschlichen Embryo“. Fakt ist also: Die Zugehörigkeit zur menschlichen Spezies nimmt in der Regelung unseres Umgangs mit Embryonen eine zentrale Rolle ein. Menschlichkeit ist wesentliches Definitionsmerkmal des zu schützenden Embryos. Müsste also, so wurde in Frankfurt gefragt, das Embryonenschutzgesetz den Bezug auf die Spezieszugehörigkeit verlieren, um Experimente zu verhindern (oder explizit zu erlauben), die die neuen, künstlich erzeugten biologischen Entitäten umfassen?

          „Künstliche“ Embryonen werfen neue Fragen auf

          Zu denken ist da beispielsweise an den sogenannten „künstlichen Embryo“, den der Hagener Philosoph Thomas Sören Hoffmann ganz vorne in der „Leonardo-Welt“ der Humaningenieure verortet. Bei solchen synthetischen Embryonen handelt es sich um wandelbare Zellverbände, die in der Petrischale durch Selbstorganisation und ohne Beteiligung von Keimzellen Gewebeverbände bilden, die auf frappierende Weise Embryonen ähneln. Seit zwei Jahren wird sehr intensiv darüber diskutiert, ob der Umgang mit solchen „Sheefs“ einer rechtlichen Klärung bedarf. Die Sheefs, meint der Hamburger Rechtsphilosoph Reinhard Merkel, seien zwar keine Embryonen, „aber fraglos menschliche Entitäten“. Merkel: „Sie ermöglichen die Forschung an menschlichen Nichtembryonen mit embryoanalogen Eigenschaften.“ Sheefs könnten in kurzer Zeit neuronale Strukturen bis hin zur Ausbildung von Sinneszellen entwickeln, die sich möglicherweise zur Schmerzempfindung eigneten.

          Embryo in der Petrischale: 12 Tage nach der ersten Zellteilung.

          Je präziser, differenzierter und umfassender diese Produkte der synthetischen Biologie den menschlichen Embryo nachbilden, desto größer das moralische Dilemma. Wären also Arbeiten mit solchen „Embryonen“ aus Erkenntnisinteressen heraus legitimierbar, oder sollten sie verboten werde?n, fragte Merkel. Oder sollte auch hier besser ein Forschungsmoratorium gelten? Die Frage nach der juristischen Grenzziehung, sie hätte sich auch hier mit einem Moratorium nicht erledigt. Um schnelle Antworten freilich kann es derzeit gar nicht gehen, so sehr sind die Dinge im Fluss. Vielmehr geht es offenbar um den Versuch, Sensibilität zu erzeugen und biopolitisches Bewusstsein. Allzu viel Vertrauen in die aktuelle Biopolitik hat man in der Philosophie allerdings nicht, wie der Hagener Philosoph Thomas Sören Hoffmann deutlich machte: „Neuzeitliche Biopolitik kennt im Prinzip keine Vorbehalte gegen den Ausgriff auf das biologische Substrat mehr – sie verwaltet es, so wie sie zunehmend auch den Eintritt in die und das Ausscheiden aus der menschlichen Gesellschaft verwaltet.“ Biopolitik wolle vor allem eines: neue „Handlungsmacht“ generieren, nicht das nackte menschliche Leben schützen. Die Unsicherheit und das Misstrauen über die Zukunft unserer Spezies war nie größer.

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