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Gen-Skandalforscher redet : Die fünf Ethik-Regeln des Dr. He

Bild: dpa

Tabubrecher, Heiler, chinesischer Frankenstein? Oder doch nur ein durchgeknallter Genforscher, der die Welt zwei Tage an der Nase herumführt? Dr. He hat geredet und dazu auch seine „fünf ethischen Kernprinzipien“ veröffentlicht. Jetzt ist klar: Der Wahnsinn hat Methode.

          Auch das passt in die Inszenierung: Nur Stunden vor dem ersten öffentlichen Auftritt des chinesischen Genforschers Jiankui He auf dem Gen-Editing-Gipfel in Hongkong, wo man von ihm Details zu den Embryonen-Experimenten mit der Gen-Schere Crispr-Cas erwartet (und bekommen) hat, macht sich das Phantom aus Shenzen im Internet bemerkbar. Die neue Ausgabe „The Crispr-Journal" flattert uns ins Postfach. In der Spezialzeitschrift, ein noch junges Online-Fachmagazin eines etablierten New Yorker Fachverlags, in dem wissenschaftliche Fortschritte mit der Gen-Schere veröffentlicht werden, wird das Paper mit „Media Alert" angekündigt. Titel: „Draft ethical principles for therapeutic assisted reproductive technologies" - ein Entwurf für fünf ethische Kernprinzipien der assistierten Fortpflanzungstechnologie.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Geschrieben sind die drei Seiten von fünf Forschern: vier Chinesen und dem Amerikaner Ryan Ferrell, Erstautor ist:  He Jianku,  Southern University of Science and Technology, Shenzen, P.R. China. Eine Ethik-Lehrstunde für das Establishment, vom Tabubrecher höchstselbst. Kein Witz! Man glaubt es nicht. Kann  es wirklich sein, dass Dr. He, jener Wissenschaftler, der am Montag nach allen Regeln der PR-Kunst und ohne jede Rücksicht auf Standesregeln die Geburt von genmanipulierten Zwillingen als gezielten Tabubruch inszeniert hat und seinerseits jeden Berufsethos hat vermissen lassen? Ist es also möglich, dass ebendieser Gen-Guerillero der weltweiten Wissenschaftltergemeinde ernsthaft eine Anleitung für ethisches Handeln in der Reproduktionsmedizin vorlegt? 

          Risiko geht er, keine Frage, Grenzverletzungen scheut er auch im Theoretischen nicht. Wir lesen weiter und beginnen uns immer mehr zu wundern über das Selbstbewusstsein dieses, ja was eigentlich - größenwahnsinnigen Genpopulisten? Dr. He legt sich im Abstract schon mächtig ins bioethische Zeug: „Die Öffentlichkeit hat eine klare Vision verdient, sie muss die wahren Intentionen der Branche  einschätzen können und aussagekräftige Informationen über den Diskussionsstand erhalten." 

          Es geht in dem Artikel um die Anwendung der Gen-Schere in der Fortpflanzungsmedizin, also um die gentechnische Veränderung von Embryonen in der Petrischale. Das, was He offenbar an den Embryonen von sieben Paaren ausprobiert hat: das unerwünschte Gen austauschen, in dem Fall den Rezeptor für die Eintrittspforte von Aidsviren lahmzulegen. Ein Geneingriff im Graubereich zwischen Gentherapie und Wünsch-dir-was-Gendesign. Bis zu sieben Millionen Kinder mit schweren bis tödlichen Erbkrankheiten könnte geholfen werden, schreibt He, für sie sei die Gen-Chirurgie mit der Genschere Crispr-Cas oder auch die „Mitochondrienspende" (eine andere gentechnische Applikation bei Mitochondrienleiden) ein vielversprechendes neues Therapieverfahren.  Leider fehlten bisher klare, internationale ethische Leitplanken, aus denen hervorgehe, woran sich die Kliniker in der Bewertung dessen, was gemacht werden darf oder sollte, orientieren können.

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