https://www.faz.net/-gwz-9h2xp

Gen-Skandalforscher redet : Die fünf Ethik-Regeln des Dr. He

He Jiankui spricht am Mittwoch auf einem Kongress in Hongkong über seine Arbeit.

Im Labor sei das schon ganz gut geregelt, in der Klinik jedoch fast nie. Dabei wünscht sich die Mehrheit der Menschen nach der Einschätzung Hes nichts mehr als Eingriffe ins Erbgut von künstlich erzeugten  Embryonen - sofern diese genchirurgischen Korrekturen mit der Crispr-Schere helfen, schlimme Krankheiten zu eliminieren. Zwischen 70 und 80 Prozent der Chinesen beziehungsweise Amerikaner habe sich in aktuellen repräsentativen Umfragen entsprechend zustimmend geäußert. Deshalb, schreibt He: „Ist dies eine offene Einladung an die Wissenschaftlergemeinde, die Öffentlichkeit dabei zu unterstüzen“, zu einer informieten Entscheidung über die Genchirurgie zu kommen. Überhaupt: Die Genforscher müssten sowieso ganz grundsätzlich offener mit der Gesellschaft sprechen, aktiver und ohne „die unglückselige Sensationsgier der Medien". Insgesamt  müssten sie „proaktiv unterrichten".  Und um das gleich an einem Beispiel zu verdeutlichen warnt He und sein Team davor, den von den Medien so geliebten, „abgenutzten" Ausdruck Designerbaby zu verwenden. Nein, das sei eine böse Bezeichnung, die lediglich Empörung provozieren solle. "

„Nennt sie nicht Designerbabys“

„Nennt sie Genchirurgie-Babys!“, schreibt He, schließlich würden die einfachen Leute das verstehen und unter dem  Begriff Chirurgie den Versuch erkennen, eine Krankheit heilen oder verhindern zu wollen.

Im Weiteren Verlauf des Textes listen He und seine Leute dann - nicht ohne an  die vierzigjährige Tradition ethischer Diskurse in der Fortpflanzungsmedizin zu erinnern -  die  „fünf Kernprinzipien" ethischen Handelns in der klinischen Crispr-Praxis auf:

  1. Barmherzigkeit für Familien, die ihrer bedürfen
  2. Nur für ernste Krankheiten benutzen, niemals Eitelkeiten bedienen
  3. Respekt für die Autonomie der Kinder, nie nur den Eltern zuliebe anwenden
  4. Gene definieren dich nicht
  5. Jeder verdient es, frei von Erbkrankheiten zu leben 

Eine ehrfurchtgebietende Liste. Gen-Chirurgie für alle, das also ist Hes ultimatives Ziel, gleich welcher Herkunft. „Reichtum darf nicht die Voraussetzung für mehr Gesundheit werden“. He gibt sich so als guter Chinese. Und weil deshalb am Ende dann doch auch kommerzielle Biotechunternehmen das Heft in der Hand halten (He hat selbst nach seiner Abwerbung aus Stanford im Zuge des chineischen „1000-Talente-Programms" selbst ein Unternehmen,  eine Gendiagnostikfirma in Shenzen, gegründet), besteht er darauf: Jede Organisation,die  genetische Heilmethoden entwickelt, hat die moralische Verpflichtung, jeder Familie zu helfen, gleich mit welchem familiären und sozialen Hintergrund. 

„Vergesst nicht die Menschlichkeit“

Beinahe schon einem Kniefall kommt schließlich gleich, was den schwerkranken Kindern gewidmet ist und doch wie ein leises Bitten um Vergebung für sein unprofessionelles, ja für die Wissenschaft geradezu geschäftsschädigendes Theater vor dem Genom-Gipfel daher kommt: es ist der Satz, mit dem He den Schlussabsatz seines Artikels einleitet: „Vergesst nicht die Menschlichkeit in dieser Debatte, bei allen Kontroversen.“ Der Mann winselt um Gnade - für seine „Patienten“, die den Rest ihres  Leben nun als Produkt eines beispiellosen humantechnologischen Akts verbringen, und für sich ganz sicher auch. Denn dass diese wissenschaftliche und medizinische Geisterfahrt folgenlos bleibt, darf der ehrgeizige Gen-Guerillero kaum erwarten. Ethik-Prinzipien hin oder her, die Wissenschaftsgemeinde und Justiz ist noch lange nicht fertig mit ihm.          

Weitere Themen

Böses Ei, gutes Ei

FAZ Plus Artikel: Cholesterin : Böses Ei, gutes Ei

Lieber Müsli statt Croissant und Ei? Einer der hartnäckigsten Ernährungsmythen ist der vom schädlichen Cholesterin im Essen. Doch wie schlimm ist der fetthaltige Naturstoff wirklich?

In der Menge liegt die Wahrheit Video-Seite öffnen

Vererbungslehre : In der Menge liegt die Wahrheit

Wie Vererbung geht, lernt man bereits in der Schule. Aber so einfach wie bei Erbsen ist das nur in Ausnahmefällen. Die quantitative Genetik hat in jüngster Zeit Erkenntnisse gewonnen, die alles auf den Kopf stellen. Das wird schon bald praktische Konsequenzen haben.

Topmeldungen

Amt des Kommissionspräsidenten : Wer folgt auf Juncker?

Das Gerangel um die Besetzung der EU-Spitzenposten geht an diesem Donnerstag in die entscheidende Runde. Am Ende müssen sich Berlin und Paris einigen. Doch Merkel und Macron verfolgen unterschiedliche Strategien.
Eine Drohne vom Typ Northrop Grumman RQ-4 (Global Hawk) der amerikanischen Streitkräfte

Verschärfte Spannungen : Iran meldet Abschuss amerikanischer Drohne

Die Revolutionsgarden des Regimes teilen mit, eine Aufklärungsdrohne des Typs „Global Hawk“ über eigenem Gebiet vom Himmel geholt zu haben. Das amerikanische Zentralkommando dementiert. Eine anonyme Regierungsquelle bestätigt den Abschuss – an anderer Stelle.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.