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Soziale Systeme : Spielerischer Weltuntergang

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Atompilz am Himmel Bild: action press

Vor kurzem ist der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Thomas Schelling verstorben. Er verrät, warum das Gleichgewicht des Schreckens nur dann ein Gleichgewicht bleibt, wenn es auch schrecklich ist.

          3 Min.

          Was hat die Entscheidung, in ein bestimmtes Stadtviertel zu ziehen, gemeinsam mit jener, sich nukleare Langstreckenwaffen zuzulegen? Bei beiden hängt die richtige Entscheidung stark davon ab, wie jemand anders entscheidet: zum Beispiel von den potentiellen Nachbarn, die bleiben, aber auch umziehen können, oder von feindlich gesinnten Staaten, die mit einem Erstschlag drohen. Solche Entscheidungen sind Gegenstand der „Spieltheorie“, die nach den richtigen Strategien in Situationen fragt, in denen ich gerne wissen würde, aber nur antizipieren kann, wie der andere entscheidet.

          Amerikanischer Ökonom Thomas Schelling: Ein bedeutender Spieltheoretiker
          Amerikanischer Ökonom Thomas Schelling: Ein bedeutender Spieltheoretiker : Bild: AP

          Der vor kurzem im Alter von 95 Jahren verstorbene amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Thomas Schelling hat maßgeblich dazu beigetragen, das Potential der Spieltheorie in den unterschiedlichsten Anwendungsgebieten auszuloten. Einer seiner Schwerpunkte lag von Beginn an in der Analyse von Konflikten. Mit dem Buch „Arms and Influence“, das vor 50 Jahren erschien, revolutionierte er das Denken über nukleare Abschreckung. Und nicht wenige meinen, dass seine Analysen einen großen Anteil daran hatten, dass es bisher bei der Drohung mit einem Nuklearkrieg geblieben ist.

          Schellings Argument basiert auf der Unterscheidung zwischen der Anwendung von Gewalt (brute force) und von Zwang (coercion): Es macht einen Unterschied, ob man sich nimmt, was man begehrt, oder den anderen zwingt, es herauszugeben. Im ersten Fall muss man über überlegene Gewaltmittel verfügen und diese auch einsetzen; im zweiten Fall reicht es, überzeugend damit drohen zu können. Will man sich direkt bedienen, beispielsweise das Territorium eines anderen Staates besetzen, muss man den Gegner überwältigen. Um ihn zu Zugeständnissen zu bewegen, reicht es, ihm Schaden zufügen, ihm „weh tun“ zu können.

          Der Unterschied zwischen Zwang und Abschreckung

          Zwang setzt an den Interessen des Gegners an, und sei es schlicht am Interesse, Schmerz zu vermeiden. Er funktioniert deshalb auch in defensiver Richtung, als Abschreckung: Um mich zu verteidigen, muss ich dem Gegner ebenbürtige Gewalt aufbieten. Um ihn abzuschrecken, reicht dagegen die Fähigkeit aus, ihm zu schaden. Dies bedeutet aber eine andere Logik militärischer Bedrohung: Unabhängig von der Frage, wer bei einer Konfrontation den Sieg davontragen würde, ist bereits die Androhung schmerzvoller Verluste ein ausreichendes Motiv, den Forderungen der Gegenseite entgegenzukommen.

          Mit dieser Logik der Abschreckung gelang es Schelling, die internationale Welt, die sich durch die Atombombe verändert hatte, neu zu interpretieren: Der Kalte Krieg konnte nicht dadurch „entschieden“ werden, dass die eine Seite die andere in einem nuklearen Schlagabtausch überwältigt und vernichtet. Es kam vielmehr darauf an, die Drohung mit Vernichtung zu nutzen, um die Gegenseite zu beeinflussen. Nicht ihre nominelle Zerstörungskraft ist der entscheidende Punkt, in dem sich die Atombombe von konventionellen Waffen unterscheidet. Die Neuerung lag vielmehr darin, dass es wertvoller wurde, den Krieg zu verhindern, als ihn zu führen.

          Doch wer mit Drohungen etwas erzwingen möchte, der muss glaubwürdig drohen können. Und das bedeutet nicht nur, über die entsprechenden Mittel zu verfügen, sondern sie nötigenfalls auch einzusetzen. Wenn der Bedrohte erwartet, dass sein Gegner hierbei zögerlich sein könnte, verpufft nicht nur die Drohung, sondern steigt auch das Risiko einer Eskalation. Schelling zog die wichtige, aber verstörende Schlussfolgerung, dass die Androhung von Schäden dann am überzeugendsten ist, wenn man die Kontrolle über die Entscheidung abgibt, sich also kein Schlupfloch lässt, im konkreten Fall doch zurückzustecken.

          Kubrick verfilmt Schellings Spieltheorie in einem Klassiker

          Dieser Idee der „Selbstbindung“ als Fundament effektiver Abschreckung setzte der Regisseur Stanley Kubrick ein cineastisches Denkmal: In seinem Film „Dr. Seltsam“, zu dem ihn nicht zuletzt Schellings Forschung inspiriert hatte, hat die Sowjetunion eine „Weltuntergangsmaschine“ entwickelt, die sich bei einem Angriff auf ihr Territorium automatisch aktiviert. Nur leider hat die sowjetische Führung vergessen, die Amerikaner darüber zu informieren - mit desaströsen Folgen. Selbstbindung setzt voraus, dass sie nicht nur glaubwürdig ist, sondern auch überzeugend vermittelt wird. Daraus ergibt sich ein paradox erscheinender Ratschlag: Am Zug zu sein kann einen Nachteil bedeuten - wenn es der mutmaßlich letzte Zug ist. Es ist besser, diese Entscheidung dem anderen zu überlassen und die Kosten vorher entsprechend in die Höhe zu treiben.

          Schellings Analysen zeigen, wie eine bessere Kenntnis der Regeln des „Spiels“ helfen kann, eine für beide Seiten befriedigende Lösung zu finden. Im Fall nuklearer Abschreckung besteht sie darin, die Realisierung der Drohung zu vermeiden. Die Spieltheorie bietet allerdings keine Mittel, um sich aus den Zwängen des Spiels zu befreien. Spiele, das wusste Schelling nur zu gut, können „Fallen“ sein, in denen man lieber gar nicht stecken möchte.

          Literaturangabe

          Schelling, Thomas C. (1960): The Strategy of Conflict. Cambridge, MA: Harvard University Press; ders. (1966): Arms and Influence. New Haven: Yale University Press.

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