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Historiker Anthony Nicholls : Es gibt eine Alternative

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Seine Untersuchung über Weimar und den Aufstieg Hitlers ist wieder unerfreulich aktuell geworden: Anthony J. Nicholls. Bild: Privat

Anthony J. Nicholls war ein Brückenbauer zwischen britischer und deutscher Geschichtswissenschaft. Der Oxforder Historiker sah in der Bundesrepublik ein Gegenmodell zum nostalgisch zerrissenen Großbritannien.

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          Anthony J. Nicholls, der am 26. Januar verstorben ist, war ein Oxforder Urgestein und einer der liebenswertesten Brückenbauer zwischen britischen und deutschen Historikern. Am 2. Februar 1934 in der Nähe von Croydon in Südengland geboren, verbrachte er seine frühe Kindheit unter dem tiefen Schatten des deutschen Nationalsozialismus, der sich über Europa erstreckte. Eine Karriere an einer Elite-Universität war ihm nicht in die Wiege gelegt. Er kam aus eher bescheidenen Verhältnissen, sein Vater war Angestellter bei der Reisegesellschaft Thomas Cook.

          Als Absolvent einer Grammar School kam er nach dem Militärdienst 1954 ans Merton College in Oxford. Seine Karriere begann er als Forschungsassistent von Sir John Wheeler-Bennett, einer der schillerndsten Figuren der britischen Historikerzunft mit engen Beziehungen zum britischen Geheimdienst. Am St Antony’s College unterrichtete Wheeler-Bennett Internationale Beziehungen, und Nicholls verfasste mit ihm eine vielbeachtete Untersuchung zu den Friedensregelungen am Ende des Zweiten Weltkrieges, „The Semblance of Peace“. Wheeler-Bennetts zweideutige Beziehungen zu Deutschland – er war sowohl mit aristokratischen Sympathisanten Hitlers als auch mit späteren Widerstandskämpfern gut vernetzt gewesen – faszinierten Nicholls, der sich intensiv mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten beschäftigte. 1968 erschien seine Studie „Weimar and the Rise of Hitler“, die vier Auflagen erlebte und zu einem Klassiker der englischsprachigen historischen Literatur zur deutschen Geschichte wurde.

          Im selben Jahr wurde er Official Fellow des St Antony’s College. 1976 gründete er dort das European Studies Centre, das er bis zu seiner Emeritierung 2001 leitete. Hier gelang es ihm, die Volkswagen-Gastprofessur zu etablieren, die über Jahrzehnte ein Who’s Who der deutschen Historikerzunft nach England brachte. Etwas älter als die goldene Generation britischer Deutschland-Historiker, der David Blackbourn, Geoff Eley, Richard Evans, Mary Fulbrook, Dick Geary und Ian Kershaw angehören, war Nicholls der Gründungsvorsitzende der German History Society, die bis heute mit ihrem Journal „German History“ eine zentrale Verbindungsstelle zu den deutschen Kollegen ist. Er baute enge Beziehungen zum Deutschen Historischen Institut in London auf, zu dessen Gründung er ebenfalls beigetragen hatte.

          Freiheit mit Verantwortung

          In den achtziger Jahren wandte er sich der Geschichte der Bundesrepublik zu. Seine Gesamtdarstellung „The Bonn Republic“ von 1997 und die drei Jahre zuvor publizierte Arbeit zur Entwicklung der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland mit dem sprechenden Titel „Freedom with Responsibility“ ließen seine tiefen, allerdings nie unkritischen Sympathien für die politische Kultur und die gesellschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik erkennen. Die Geschichte der Bonner Republik war für Nicholls eine Erfolgsgeschichte gerade auch im Hinblick auf die Geschichte seines eigenen Landes in der Nachkriegszeit. Die – wenn auch verspätete – vorbildliche Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit stand in markantem Gegensatz zur vergangenheitspolitischen Ignoranz der Briten, gerade im Hinblick auf ihr Empire.

          Den sozialliberalen Grundkonsens in der politischen Mitte der Bundesrepublik zog er der scharfen ideologischen Polarisierung im Großbritannien der siebziger und achtziger Jahre vor. Nicholls verabscheute Margaret Thatcher ebenso wie den Gewerkschaftsführer Arthur Scargill. In Roy Jenkins, David Owen, Bill Rodgers und Shirley Williams, die 1981 die Labour Party verließen und die Social Democratic Party aufbauten, erkannte er Gleichgesinnte, die wie er große Bewunderer der Sozialen Marktwirtschaft in der Bundesrepublik waren. Wie die „Viererbande“ schätzte Nicholls auch die proeuropäische Grundhaltung der Bundesrepublik.

          Die Schlusssätze seines Buches zur Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland bekräftigten noch einmal, wie sehr er in seiner Person das britische Freiheitsstreben mit der Suche nach sozialer Gerechtigkeit verband. Nicholls sah die Bundesrepublik auf der „pragmatischen, aber dennoch prinzipientreuen Suche nach materiellem Wohlstand, verbunden mit persönlicher Freiheit und sozialem Ausgleich“. Dieser Konsens, so wollte er hoffen, werde eines Tages vielleicht auch den Nachbarn der Deutschen zum Vorteil gereichen.

          Als Nicholls 2004 den jährlichen Festvortrag des German Historical Institute in London hielt, reflektierte er über fünfzig Jahre deutsch-britische Beziehungen unter dem Titel „Always Good Neighbours – Never Good Friends?“ Er beschrieb Defizite in den deutsch-britischen Beziehungen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die auch auf tiefen kulturellen Unterschieden und vollkommen verschiedenen erinnerungshistorischen Parametern beruhen. Zu Zeiten des gerade vollzogenen Brexits, dessen Befürworter mit dem Argument für den Austritt warben, dass „our boys“ im Zweiten Weltkrieg nicht für die angeblich von Deutschen geführte EU gefallen seien, lohnt sich die Lektüre dieses gedankenreichen Essays allemal.

          Seinen vielen Doktoranden am St Antony’s College wird Tony Nicholls immer als ein außergewöhnlich sensibler, hilfsbereiter und über die Maßen generöser Betreuer vor Augen stehen, der jederzeit genügend Freiraum für die intellektuelle Entwicklung seiner Schützlinge bot und Kapitelentwürfe mit zahllosen konstruktiven Kommentaren versah. Als Mitglied der North Commission of Enquiry trug er vor der Jahrtausendwende wesentlich zur Reform der Verwaltungsstrukturen der Universität Oxford bei, so dass seine Alma Mater auch im neuen Jahrhundert zu den führenden Universitäten der Welt zählt.

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