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Eucharistie-Streit : Was auf den Tisch kommt

Christi Realpräsenz unter der Gestalt des Brotes Bild: dpa

Theologische Argumente lassen sich nicht ewig geheim halten: Der Streit um ein gemeinsames Abendmahl zwischen Protestanten und Katholiken geht weiter. Aber mit einer pastoralen Drohkulisse ist keinem gedient.

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          In die deutsche Theologie ist ein dränglerischer Ton eingekehrt. Eine pastorale Feuerwehr setzt hierzulande die theologische Arbeit unter Druck. Argumente, die den pastoralen Erwartungen nicht entsprechen, sollen von kirchlichen Amtsträgern gesichtet und abgeheftet, aber nicht der breiten Fachdebatte überantwortet werden. Das scheint zumal dann zu gelten, wenn differenzierte theologische Begründungen den Wunsch stören könnten, sich unter katholischen und evangelischen Christen am Tisch des Herrn wechselseitig zu Kommunion und Abendmahl zuzulassen.

          So heißt es vorsorglich in dem Positionspapier „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ (2019) des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen (ÖAK): „In der ökumenischen Hermeneutik von heute ist die Achtsamkeit auf die pastorale Praxis von hoher Bedeutung. Viele Glaubende in den christlichen Gemeinden – insbesondere jene, die in konfessionsverbindenden Ehen leben – haben kaum noch Verständnis für ausdifferenzierte theologische Begründungen, die daran hindern, als Familie dem gemeinsamen christlichen Bekenntnis auch in der Feier von Abendmahl/Eucharistie Ausdruck zu geben.“

          Aber ist eine Absage an die theologische Kontroverse der angemessene Weg, um das religionspolitisch verständliche und biblisch gebotene Ziel – die Einheit der Christen – zu erreichen? Was wäre eine solche Einheit wert, wenn sie ihrer differenzierten theologischen Begründung auswiche? Und ist es da klug, aus den theologischen Einwänden der römischen Glaubenskongregation gegen das Arbeitskreis-Papier eine Art geheimer Verschlusssache zu machen?

          „Wir klären im Moment“

          Dieser Eindruck entsteht im Blick auf die Post der Glaubenskongregation, die deren Präfekt, Kardinal Luis Ladaria, mit Datum vom 18. September 2020 an Bischof Georg Bätzing schickte, den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz und episkopalen Arbeitskreis-Repräsentanten katholischerseits. Das römische Schreiben inklusive vier Seiten „lehrmäßiger Anmerkungen“ ist kirchenamtlich bislang nicht öffentlich gemacht worden. „Wir klären im Moment, ob wir das in den nächsten Tagen noch ändern“, erklärte der Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz vergangene Woche auf Anfrage dieser Zeitung. Warum braucht es einen Klärungsprozess mit offenem Ausgang, um Dokumente für eine Debatte transparent zu machen, die zu führen Bätzing im Übrigen erbittet? Da er das umstrittene Arbeitskreis-Papier mitverantwortet, er also in seiner theologischen Kompetenz selbst betroffen ist, muss man es umso misslicher nennen, dass aus der Veröffentlichung von Gegenstimmen eine Hängepartie gemacht wird.

          In den genannten theologischen Anmerkungen Ladarias, die dieser Zeitung vorliegen, wird denn auch ein theologisches Niveau angemahnt, das nicht unter dem Druck pastoraler (und in der Weltkirche vorwiegend von deutscher Seite vorgebrachter) Imperative leiden dürfe. Bätzing hatte bei der Vorstellung des Arbeitskreis-Papiers, dem die römischen Einwände gelten, zu Protokoll gegeben, wenn jemand den dort skizzierten Weg zur Einheit der Kirche nicht gelten lassen wolle und sage „So nicht!“, dann sage er, Bätzing: „Okay, so nicht. Aber wie dann?“

          Rom als Anwalt der Lutheraner?

          Eine rhetorische Abwehrstrategie, die theologische Argumente zufällig erscheinen lässt, wenn sie nur den gerade erwünschten ökumenischen Zweck erfüllen. Demgegenüber hält die Glaubenskongregation in den lehrmäßigen Anmerkungen fest: „Eine Vorwegnahme der Einheit in der eucharistischen Mahlgemeinschaft, ohne die Einheit im Glauben erlangt zu haben, steht in Gefahr, alles weitere Bemühen um die Lösung der noch anstehenden Glaubensdifferenzen zu relativieren.“ Es gehört zur epistemischen Ironie, dass eine vatikanische Behörde, die aus der historischen Inquisition hervorgegangen ist, hier als Anwalt der differenzierten theologischen Argumentation auftritt, während deutsche Arbeitskreis-Theologie vom Chef der Bischofskonferenz als Magd einer kirchenpolitischen Agenda vorgeführt wird.

          Zugleich tritt, als weitere Pointe der römischen Post an Bätzing, die Glaubenskongregation als Anwalt einer um theologische Begründungen ringenden lutherischen Seite auf. Ladaria sieht im Fall der Zulassung der evangelischen Christen zur katholischen Kommunion die Unausweichlichkeit einer konfessionellen Vereinnahmung – wenn denn theologische Positionen überhaupt noch ins Gewicht fallen sollen und man sie nicht mit pastoralem Stirnrunzeln von vornherein für unverständlich erklären möchte. So führt die Glaubenskongregation der evangelischen Seite im Detail vor Augen, was sie alles mit unterschreibt, wenn sie sich zur katholischen Kommunion bekennt – maßgeblich bleibt bei dieser Darlegung freilich das lehramtliche Paradigma, wonach die Kommuniongemeinschaft die Kirchengemeinschaft notwendig voraussetzt. Der ökumenistische Kunstgriff, nicht die theologischen Wissensbestände, sondern nur deren Arrangement verändern zu wollen, verfängt bei Ladaria nicht. Fragen des Arrangements von theologischen Gehalten sind in seiner Sicht keine sekundäre Dramaturgie, sondern berühren selbst wiederum theologische Fragen, die der differenzierten Erörterung bedürfen. Insofern ist es bei der Dogmenentwicklung nicht mit der Umgruppierung von Textbausteinen getan.

          Wozu man alles Amen sagt

          Auf dieser Linie macht der römische Präfekt, wie erwähnt, auf das katholische Paket aufmerksam, das sich evangelische Christen einhandeln würden, wenn sie pauschal zur Kommunion zugelassen würden. Aus katholischer Sicht sei nun einmal „ein Fiduzialglaube in die Gegenwart Christi während der Kommunion nicht ausreichend, sondern sie schließt die bewusste und aktive Teilnahme an der liturgischen Feier, insbesondere im Hinblick auf das eucharistische Hochgebet ein, das ja das Gesamte des katholischen Glaubens zum Ausdruck bringt. Der glaubende Teilnehmer unterschreibt das quasi durch sein Amen, das da beinhaltet die Gemeinschaft mit dem Papst und dem Ortsbischof, mit der Kirche des Himmels (mit Maria und allen Heiligen), aber auch mit den Verstorbenen (im Sinne der Fürsprache um Vollendung). Zu einer solchen professio fidei kann derzeit ein lutherischer, noch weniger ein reformierter Christ kaum seine Zustimmung geben, ohne in einen Gewissenskonflikt zu geraten.“ Wohl in Kenntnis dessen setzt Bätzings Ökumene-Papier auf die Gewissensentscheidung des einzelnen Gläubigen als letzte Ausfahrt in einem Gewissenskonflikt, der von dem Papier als solcher freilich erst hergestellt wird. Die Frage, ob dies ein Verfahren ist, welches der lehramtlichen Verantwortung von Bischöfen entspricht, wäre dann wiederum einer theologischen Prüfung zu überlassen.

          „In Demut bet’ ich dich, verborgene Gottheit an, die du den Schleier hier des Brotes umgetan“: Im Blick auf den eucharistischen Hymnus „Adoro te devote“ des Thomas von Aquin stellen die lehrmäßigen Anmerkungen fest, im ökumenischen Arbeitskreis-Papier fehle „ein eindeutiges Bekenntnis zur Realpräsenz Christi in der Eucharistie“. Damit unterbiete man in dieser Frage nun aber in Deutschland auch einen Konsens, den es in der Weltkirche bereits mit den Lutheranern und den Orthodoxen gebe. Das im Bätzing-Papier aus Sicht Ladarias nahegelegte Verständnis von Christi Repräsentation in der konsekrierten Hostie „stimmt kaum noch mit der traditionellen lutherischen Überzeugung einer Präsenz vere et substantialiter überein“. Das Papier „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ bekenne damit „weit weniger an eucharistischer Übereinstimmung zwischen der katholischen (sowie der orthodoxen, eingeschlossen der vorchalzedonensischen Kirchen) und der lutherischen Position“, als sie neuere Dokumente des internationalen lutherisch-katholischen Dialogs festhielten, in denen „eine erstaunliche dogmatische Konvergenz“ zum Ausdruck komme.

          Christi Realpräsenz im Sakrament

          Als Belege werden dann zitiert die nordamerikanische „Declaration on the Way: Church, Ministry and Eucharist“ von 2015 sowie die zwei Jahre später publizierte gemeinsame Erklärung der lutherisch-katholischen Dialogkommission Finnlands „Communion in Growth: Declaration on the Church, Eucharist and Ministry“. Tatsächlich wird in beiden Dokumenten theologische Übereinstimmung zwischen Lutheranern und Katholiken festgestellt, was Christi Gegenwart „als Gott und Mensch“ im Sakrament des Letzten Abendmahls vere, realiter et substantialiter angeht.

          Kann es sein, dass die internationale Ökumene theologisch weiter ist als ökumenische Arbeitskreise im Ursprungsland der Reformation? Jedenfalls scheint Ladarias Sorge nachvollziehbar, die katholisch-lutherisch-orthodoxen Gemeinsamkeiten nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen, indem man katholischerseits das Bekenntnis zur Realpräsenz anders arrangiert. Wann öffnet Bätzing diese hoch differenzierte und folgenreiche Debatte für die Öffentlichkeit?

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