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Was den Deutschen wichtig ist : Bergab geht’s immer nur bei den anderen

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Und sie waren glücklich bis an ihr Lebensende: Eine Zeit-Umfrage über drei Jahre hat ergeben, dass die Deutschen keine ängstliche Bevölkerung sind. Aber: Sie sehen in sich selbst und ihrem Lebensentwurf Werte, die sie oftmals nur sich selbst und nicht anderen zuschreiben. Bild: dpa

Eine Umfrage bescheinigt den Deutschen, doch keine Zukunftsangst zu haben. Dafür offenbart sie, dass viele sich selbst mit großen Werten wie Familie und beruflichem Erfolg identifizieren – ihren Mitmenschen trauen sie das aber nicht zu.

          Markiert 2015 tatsächlich einen historischen Einschnitt in Deutschland? Haben die politischen Ereignisse dieses Jahres die Gesellschaft tiefgreifend und nachhaltig verändert? Nein. Jedenfalls nicht, wenn man die Menschen nach ihren Einstellungen befragt, nach dem, was für sie wichtig ist. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) hat das jetzt gemeinsam mit „Infas“ und der Wochenzeitung „Die Zeit“ in der zweiten Welle seiner Vermächtnis-Studie herausgefunden.

          Deren Befragungen begannen im Sommer 2015 mit einem repräsentativen Querschnitt durch die Bevölkerung und wurden 2018 mit dann insgesamt 2070 Personen fortgesetzt. Es zeige sich eine hohe Stabilität in der deutschen Gesellschaft, 2015 sei kein „Bruch“ gewesen, so die Autoren der Studie. Nun ja – drei Jahre? Da dürften die Nutzer etwa des Sozioökonomischen Panels mit seiner Laufzeit von bisher über 30 Jahren die Nase rümpfen. Den gesellschaftlichen Wandel durch zwei Interviews in einem so kurzen Abschnitt beobachten zu wollen und dann pompös festzustellen, dass es ihn eigentlich nicht gibt – das ist schon etwas verwegen. Die Ergebnisse der WZB-Studie sind trotzdem bemerkenswert, weil sie ihren knappen Beobachtungszeitraum mit einem Blick in die Zukunft sozusagen prognostisch verlängert. Sie fragte ihre Teilnehmer nämlich nicht nur danach, was ihnen heute wichtig ist, sondern auch, ob ihnen das wohl auch in Zukunft wichtig sein wird. Und drittens: Ob das auch für ihre Mitmenschen gelten wird.

          Alle anderen sind kinderfeindliche Egoisten

          Das Ergebnis sei eindeutig, so die WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger. In den allermeisten Fällen entspräche die Gegenwartsdiagnose der Befragten auch ihrer Zukunftsprognose. Gezeichnet werde das Bild der Erwartung einer sehr stabilen Gesellschaft, es gäbe „keine Spur von Zukunftsangst, von einem Alles-wird-schlechter“, so Allmendinger. Eine „Gesellschaft der Angst“ sei Deutschland gewiss nicht. Etwa die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs: Rund ein Drittel der Befragten gibt an, dass ihnen dies heute wichtig ist, dass es nachfolgenden Generationen wichtig sein sollte und tatsächlich auch wichtig sein wird. Man hält sich also selbst gewissermaßen für repräsentativ, für einen Typus, der mit seinen Werten und Erwartungen bleiben wird.

          Die Befragten dieser Studie werden also nicht nur auf ihre persönlichen Fähigkeiten als Laien-Soziologen getestet, sie sollen sich auch als Trendforscher und Futurologen beweisen. Von ihren Befunden scheint eine beruhigende Wirkung auszugehen: Die Herausforderungen sind groß, aber sie sind zu bewältigen.

          Ganz so rosig ist das Bild natürlich nicht. Es gibt zwei Themen, da fallen die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Befragten dramatisch auseinander. Das seien ausgerechnet die Familie und die Arbeit, so Allmendinger. Während man eigene Kinder für sich selbst als sehr wichtig erachte und davon überzeugt sei, dass ein entsprechendes Wir-Gefühl höchst bedeutend ist und die Erwerbstätigkeit sinnvoll und den eigenen Erwartungen daran entsprechen müsse, sinkt die Erwartung für die Zukunft der anderen hier drastisch. So halten über 75 Prozent der Befragten Kinder für das eigene Leben heute wichtig, glauben aber, dass das nur noch für 25 Prozent der kommenden Generationen ebenfalls gelten wird. Bei der Arbeit ist es noch deutlicher: Über 75 Prozent sagen heute, der Sinn ihres Jobs sei ihnen sehr wichtig, sehen diese Einstellung bei anderen in Zukunft aber nahezu gegen null gehen. Die Wichtigkeit eines Wir-Gefühls, so Allmendinger in einem Gespräch mit der Zeit über ihre Studie, gelte den Menschen selbst ungeheuer viel, während sie gleichzeitig meinen, dass es den anderen schon jetzt viel weniger bedeute und in Zukunft noch weniger bedeuten werde. Ich also bin der vorbildliche Familienmensch mit hohen Ansprüchen an die eigene Arbeit, während alle anderen kinderfeindliche Egoisten sind, die jeden Job annehmen.

          Allmendinger meint, hier zeige sich dann doch wieder die Gesellschaft der Angst. Die Menschen in Deutschland umklammerten gute Arbeit und feste Familienkreise, ihre großen Werte. Von den anderen hingegen fühlten sie sich entfremdet. Das Merkwürdige sei, dass die Menschen die Veränderungen in der Gesellschaft sehr genau wahrnähmen, aber sie verneinten, selbst davon erfasst zu sein. Der Wandel gelte nur für die anderen, die er offensichtlich in ihren Einstellungen und Werten korrumpiere.

          Das ist drastisch – und doch auch „nur“ eine Wahrnehmung. Wenn die meisten denken, mir geht es ja gut, nur nicht den anderen, dann geht es vermutlich den meisten auch eher gut. Die Umfrageforschung kann das natürlich nicht klären, da müssen dann doch die Sozialstatistiker herangezogen werden. Allmendinger überschätzt ihre Studie, wenn sie darin einen soziologischen Lügendetektor sieht, der die Selbsttäuschung ihrer Teilnehmer entlarve. Geschickt lüden die ihre „eigene miese Arbeit positiv auf“, anstatt auch sich selbst bereits als Opfer des Wandels zu begreifen. Doch woher die WZB-Präsidentin weiß, dass die Arbeit der anderen eigentlich so mies ist, verrät sie nicht.

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