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Yoko Tawadas Sprachspiele : Versuch über den Heftklammerentferner

  • -Aktualisiert am

Interpretieren ist Überschreiben: Yoko Tawada in ihrem Berliner Wohnviertel. Bild: Markus Kirchgessner/laif

Text and the City: Wie die zweisprachig schreibende Autorin Yoko Tawada die deutsche Sprache und Kultur durch Verrätselung entziffert.

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          1960 in Tokio geboren und seit 1982 in Deutschland lebend, wurde die zweisprachig schreibende Autorin Yoko Tawada mit Werken wie „Abenteuer der deutschen Grammatik“ oder „Überseezungen“ bekannt. Ob sie die deutsche Brezel als B-rätsel liest oder einen japanischen Laden für Nudelsuppen (rahmen) als Rahmenhandlung übersetzt, immer zeigt sie sich als eine begnadete bilinguale Wortspielerin und Lautmalerin.

          Tawadas Prosa porträtiert erfrischend integrierungsunwillige junge Asiatinnen. Ihr Umgang mit deutscher Sprache illustriert deren Fremdheit für sie, wirkt aber auch auf uns entfremdend, belebend, aufklärerisch. Geschult im Lesen japanischer Schriftzeichen als Ideogramme, ergründen ihre Heldinnen das Alphabet sinnlich-visuell. Susan Andersons Aufsatz „Yoko Tawada and reading the strange(r)“ in der Zeitschrift „German Life and Letters“ (Band 72, Heft 3, 2019 / Wiley) erörtert zwei Texte aus dem Band „Talisman“ (1996).

          In die Kunst, mit der Tawada die deutsche Sprache aufzuschließen versucht, ist ihre Rezeption der Semiotik von Roland Barthes und der Physiognomik Walter Benjamins eingegangen. „Das Fremde aus der Dose“ berichtet von der Freundschaft zwischen einer gerade in Hamburg angekommenen Japanerin und zwei deutschen Analphabeten, die im Text Sascha und Sonja heißen.

          Alle drei sind Außenseiter und haben gemeinsam, dass sie sich auf ihre Umwelt durch Beobachtung und Bildinterpretationen einen Reim machen. Die Asiatin möchte am liebsten nur die Oberfläche der Kultur genießen, wird aber gezwungen, in deren Tiefe einzutauchen. Das Spiel mit ostwestlichen Fehlinterpretationen ist ebenso tragisch wie produktiv. Deutsche sehen ihr Gesicht als Maske: „Liegt diesem Vergleich der Wunsch zugrunde, hinter dem fremden Gesicht ein bekanntes zu entdecken?“ Die Heldin dagegen fürchtet, hinter der Mauer aus Buchstaben, die ihre Sicht versperrt, ihre Identität zu verlieren.

          Ein Bleistift wird beschimpft

          Trugbilder des Verstehens können die Hierarchien immer nur auf Zeit auflösen. Die Heldin versucht sich in einer permanenten Revolution der Bedeutungsproduktion, doch der Traum von Europa verflüchtigt sich in Verhüllungen, wenn sie die fremde Stadt als phantasmagorischen Text liest: „Manchmal setzten sich ein paar Menschen zusammen in ein Café, und so bildeten sie für eine Weile gemeinsam ein Wort. [...] Diese Wörter motivierten mich hin und wieder, die äußere Verpackung zu öffnen, um eine weitere Verpackung darunter zu entdecken.“

          In der Deutung von Susan Anderson unterminiert Tawada die Vereinnahmungsgesten einer männlich konnotierten hegemonialen Moderne. Auch „Von der Muttersprache zur Sprachmutter“ kritisiert Monolingualismus, Monokulturalismus und lineares Denken. Einer japanischen Berufsanfängerin wird der deutsche Büroalltag zur „Kette rätselhafter Szenen“.

          Das Eigenleben der Objekte (ihre Kollegin beschimpft einen abbrechenden Bleistift wie eine Person) und das Gendering der Gegenstände – das kleine Reich auf dem Schreibtisch mit Bleistift, Kugelschreiber und Füller kommt ihr plötzlich sehr männlich vor – entschlüsselt sie religionssoziologisch: „der deutsche Animismus“. Doch das weibliche Wesen im Bürorepertoire, die Schreibmaschine mit ihrem „breiten tätowierten Körper, auf dem alle Buchstaben des Alphabets zu sehen waren“, gerät ihr zur neuen „Sprachmutter“, dank der sie eine zweite Kindheit erlebt.

          Einen Mehrwert kulturellen Missverstehens sieht Tawada laut Anderson im Verharren im Schwellenzustand der Übersetzung. Die „selektive Leseunkundigkeit“, die alternative Sinnschöpfungen generiert, wird zum Weg, den Eigensinn der Buchstaben und „die verlorene Sprachmagie“ wiederzufinden. So entwickelt Tawada ein Lob des Sprachspiels und der frei flottierenden Signifikate aus der Beschreibung eines ganz besonders deutschen Objekts: „In der Muttersprache sind die Worte den Menschen angeheftet, so dass man selten spielerische Freude an der Sprache empfinden kann. Dort klammern sich die Gedanken so fest an die Worte, dass weder die ersteren noch die letzteren frei fliegen können. In einer Fremdsprache hat man aber so etwas wie einen Heftklammerentferner: Er entfernt alles, was sich aneinanderheftet und festklammert.“

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