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Soziale Systeme : Wovon träumen Telefone?

  • -Aktualisiert am

Können künstliche Intelligenzen auch schlafen und träumen? Bild: AFP

Menschen schlafen, und Computer tun es neuerdings angeblich auch. Wenn das stimmt, wovon träumen sie dann? Von den Grenzen einer Metapher.

          Spätestens seit Emile Durkheims Studie über den Selbstmord von 1897 gehört es zum Standardrepertoire der Soziologie, die soziale Bedingtheit auch jener Handlungen zu zeigen, die auf den ersten Blick höchst individuell motiviert zu sein scheinen. Der Nachweis beginnt meist mit der Beobachtung, dass es Muster der Verteilung und der Regelmäßigkeit gibt, die sich nur mit sozialen Faktoren erklären lassen. Es wird dann schnell klar, dass jenseits reiner Reflexe praktisch jede Tätigkeit sozial geformt ist. Jeder muss essen, aber was man isst, wann und wo, spiegelt gesellschaftliche Erwartungen und Normen wider.

          Dies gilt auch für den Schlaf. Er ist zwar eine biologische Notwendigkeit, in seiner konkreten Form aber sozial reguliert und koordiniert. Man kann auch sagen: Schlafen ist nicht nur ein physiologischer Zustand, sondern eine „soziale Rolle“. Dies wird spätestens dann in Erinnerung gerufen, wenn beispielsweise Kinder diese Rolle und entsprechende Erwartungen erst erlernen müssen: Wann ist es Zeit für die Nachtruhe - und warum sollen sie eigentlich ins Bett gehen, wenn die Eltern noch aufbleiben? An diesem Beispiel zeigt sich bereits, dass der Schlaf als soziale Aktivität nicht einfach eine kollektive Routine ist. Nicht alle gehen zur selben Zeit zu Bett, und in der Familie und anderswo hängen Unterschiede der Schlafzeiten und -plätze von sozialen Positionen und Hierarchien ab. Der Schlaf wird auch in das Schema gesellschaftlicher Arbeitsteilung integriert, schrieben bereits Vilhelm Aubert und Harrison White in einem älteren Beitrag zum Thema: Wer schläft, kann seine anderen Rollen nicht wahrnehmen und muss deshalb Teile seiner Rollenverantwortung auf andere übertragen. Und er muss zumindest darauf vertrauen können, dass er nach dem Aufwachen wieder in seine Rolle schlüpfen kann und seine Abwesenheit nicht zur Usurpation seiner Position ausgenutzt wird.

          In seinem Beitrag zur britischen Fachzeitschrift Sociology setzt Eric Hsu diesen gesellschaftlichen Rahmen des Schlafes voraus und möchte zeigen, dass nicht nur der Schlaf der Menschen, sondern auch jener der Tiere soziologische Aufmerksamkeit verdient. Und damit nicht genug: Auch der Schlaf der Maschinen soll nun soziologisch relevant sein. Dass Tiere schlafen (wenn auch nicht alle), leuchtet ein. Schon Aubert und White stellten außerdem fest, dass sich in der Tierwelt analoge Formen der Koordination von Schlafzeiten und der Verteilung von Schlafpositionen finden. Doch darum geht es Hsu nicht. Für ihn wird der Schlaf der Tiere dadurch gesellschaftlich, dass Tiere in der Nähe von Menschen schlafen. Die Hauskatze im Bett wird ihm zum Beleg, dass Schlaf „nicht nur eine Eigenschaft von Menschen“ sei. Und die Tatsache, dass der Hund schnarchen und dadurch den Menschen stören könnte, wird als Beleg dafür gewertet, dass Tiere „aktive Teilnehmer an der sozialen Welt“ seien.

          Eine populär gewordene Strategie der Sozialwissenschaft

          Hinter solchen Aussagen steckt die in Teilen der Sozialwissenschaft populär gewordene Strategie, nichtmenschlichen Akteuren Handlungsfähigkeit zuzusprechen. Eine Pistole beispielsweise ist dieser Logik nach genauso am Schuss beteiligt wie der Mensch, der den Abzug betätigt. Folgerichtig wendet Hsu sich im nächsten Schritt dem „technologischen Schlaf“ zu. Vom Sprachgebrauch, der eine vorübergehende Inaktivität technischer Geräte als „Ruhezustand“ oder sogar als „Schlaf“ bezeichnet, schließt er auf eine zunehmende Anthropomorphisierung der Technik. Schließlich spreche man auch davon, dass ein Gerät „aufwache“, und gelegentlich passiere dies völlig überraschend. Dies sei ein Beleg dafür, dass Computer und Smartphones vollgültige soziale Akteure seien.

          Doch eine derart simple Analogie bringt keine wirkliche Erkenntnis. Ihre Grenzen werden schnell deutlich, wenn man eine zentrale These von Aubert und White berücksichtigt: dass die Sozialität des Schlafes sich vor allem darin zeigt, wie man mit den Träumen umgeht. Schon ein kursorischer Blick auf vergleichende Studien zeigt, dass Gesellschaften den Wirklichkeitsstatus von Träumen und die Verantwortung des Träumers sehr unterschiedlich behandeln. So bleibt bei uns ein geträumter Mord folgenlos, in archaischen Gesellschaften kann er aber bereits eine Störung der sozialen Ordnung bedeuten.

          Die Träume der Maschinen interessieren allenfalls in der Science-Fiction. Im Titel seiner durch den Film „Blade Runner“ bekannt gewordenen Kurzgeschichte stellte Philip K. Dick die Frage: „Träumen Androiden von elektronischen Schafen?“ Sie bezieht sich auf die Zweifel, in die seine Hauptfigur Rick Deckard - ein Kopfgeldjäger, der Androiden „in den Ruhestand versetzt“ - durch engeren Kontakt mit einer Androidin gerät. Die Unterscheidung von Menschen und Androiden erscheint ihm zunehmend fragwürdig. Dass man sich fragen müsste, wovon Computer und Smartphones träumen, wäre demnach eine Voraussetzung dafür, ihren „Schlaf“ als ein soziologisches Thema zu behandeln.

          Aubert, Vilhelm; White, Harrison (1959/60): „Sleep: a sociological interpretation“. In: Acta Sociologica 4 (2/3). Hsu, Eric L. (2015): „The sociological significance of non-human sleep“. In: Sociology (online first).

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