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Neil Postmans Aktualität : Wir amüsieren uns von Todesfall zu Todesfall

  • -Aktualisiert am

Sie durfte damals nicht weiterschalten, als die neuesten Meldungen aus Thüringen eintrafen: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 6. Februar 2020 in Pretoria, Südafrika. Bild: dpa

Infotainment als Lebenswelt: Die Vermehrung der Umschaltoptionen macht die Kritik des Bestseller-Autors Neil Postman am Fernsehen nicht anachronistisch.

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          Wer heute Neil Postmans Bestseller „Wir amüsieren uns zu Tode“ von 1985 wieder aufschlägt, kommt nicht umhin, darin den Fernseh- und Twitter-Präsidenten Donald Trump sehr gut skizziert zu finden. Die Einebnung des Gattungsunterschieds zwischen Nachricht und Unterhaltung, der Aufstieg des Infotainments, hat jene desaströsen Folgen gehabt, vor denen Postman vor 36 Jahren warnte. „The Donald“ aus der Reality-Show und der Präsident der Vereinigten Staaten waren de facto nicht auseinanderzuhalten und feuerten Berater, Pressesprecher und Anwälte nicht nur im selben Stil, sondern auch beinahe im selben Takt. Bis zuletzt schien sich Trump in einer Art Reality-Show zu befinden.

          Und doch könnte man vermuten oder gar hoffen, Postmans Diagnose habe sich durch die digitale Revolution erledigt. Das neuerdings „linear“ genannte, zu festen Uhrzeiten sendende Fernsehen gibt es zwar noch, doch seine Bedeutung schwindet. „Zeitsouverän“ konsumieren Bürger heute ihre Serien, ihre Nachrichten, ihre Inhalte. Eine „epistemologische Leitstelle“, nach der sich unsere Kommunikationswelt organisiert, ist das Fernsehen längst nicht mehr. Zu einem „Meta-Medium“ im Sinne Postmans wur­de am ehesten die digitale Sphäre mit ihren sehr heterogenen Angeboten. Und die Ästhetik des Surfens, des Rein- und Rauszoomens, des Weiterklickens und Querverweisens hat längst auf das Fernsehen übergegriffen.

          Internet-Ästhetik ist längst zu selbstverständlich

          Postmans Einspruch gegen das Infotainment bleibt jedoch auch unter ge­wandelten Bedingungen erhellend. Die Vermengung von Nachricht und Unterhaltung ist nicht nur ein Rückfall hinter die Imperative funktionaler Ausdifferenzierung. Eine Entgrenzung findet auch statt, weil die ästhetischen Formen om­nipräsent werden. Selbst in Podcasts zur Krise in der Ostukraine kichern die Re­dakteure deutscher Wochenzeitungen wie Schüler.

          Die versteckte Ko-Präsenz des Fernsehens beschrieb Postman als eine „Hintergrundstrahlung“; sie sei uns „so vertraut und in die amerikanische Kultur so ganz und gar integriert, dass wir das schwache Pfeifen im Hintergrund nicht mehr hören und das flackernde Licht nicht mehr sehen“. Diese Formulierung erinnert an Edmund Husserls Begriff der Lebenswelt. Unter diesem Programmtitel hatte der Philosoph die Summe jener nichtthematisierten Selbstverständlichkeiten zusammengefasst, die uns erst seine phänomenologische Me­thode wahrnehmen und beschreiben lässt. Dass sich auch das Theater zusehends an der Klick- und Hüpf-Ästhetik von Postmans „Kuckuck-Welt“ ereignishafter Wichtigkeiten orientiert, dass Filme wie Computerspiele, Nachrichten wie Homepages, Geschichtsbücher wie Netflix-Serien daherkommen, erklärt sich aus der gemeinsamen Fundierung in einer Lebenswelt: Die Internet-Ästhetik ist längst zu selbstverständlich, um uns noch aufzufallen.

          Infotainment als Lebenswelt ist aber kein natürlich gewachsener Raum. Es gibt Akteure. Bild LIVE, das digitale „Nachrichten“-Portal, fusioniert Fern­sehen und digitale Welt zum Amalgam eines multimedialen Infotainments. Postman-Lesern wird es ein höllisches Vergnügen sein, die Fern­wirkungen solcher Innovationen auf unsere ­politische Kultur vorauszusagen.

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