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Handlungsmöglichkeiten : Wenn einfach zu viel Welt da ist

  • -Aktualisiert am

Das Netz als Lösung: Seine Knoten verkoppeln viele Individuen. Bild: dpa

Ein Soziologe rät, sich zu vernetzen, um handlungsfähig zu bleiben. Je globaler, desto besser. Das geht schneller, wenn man sich aus älteren Kollektiven löst.

          Ist die Welt aus den Fugen? Wer das so sieht, hat dieser Tage viel Zustimmung. Es ist auf jeden Fall zu viel Welt da, und zu wenig, was sich eigenen Normalitätshoffnungen fügt. Selbstmordanschläge treffen nicht nur Bagdad oder Kabul, sondern auch die deutsche Provinz. Ohnmachtsgefühle kommen auf und der Wunsch, sich immer noch nicht für betroffen erklären zu können. Gleichzeitig peinigen die Medien ihr Publikum mit der Gewissheit, dass damit nichts mehr wird.

          Maximale Inklusion trifft auf minimale Handlungsautonomie: Man gehört zur globalisierten Gesellschaft, hat aber keinen Einfluss darin. Und Teilinklusion wird nicht angeboten – die Globalisierung erlaubt keine Rosinenpickerei. Man könne nicht das preiswerte Smartphone aus China kaufen, heißt es, und gleichzeitig fordern, Menschen an Grenzen abzuweisen. Die Weltgesellschaft scheint uns nur die Rollen des Zuschauers, des Opfers und des Inkompetenten zu gewähren. Bieten sich in einem globalen Gesellschaftssystem dem Individuum denn überhaupt noch aktive Handlungsmöglichkeiten?

          Nicht wer handelt, sondern was?

          Der Soziologe Rudolf Stichweh hatte bereits vor zehn Jahren bemerkt, dass Individuum und Weltgesellschaft inkommensurable Begriffe zu sein scheinen. Krisendiagnosen wie die von James S. Coleman oder Jürgen Habermas hätten allerdings das Ihrige zu diesem Eindruck beigetragen mit ihren dualisierenden Konstruktionen von Gesellschaft – bei Habermas etwa der Gegensatz von System und Lebenswelt.

          Stichweh überzeugte diese simple Zweiteilung schon damals nicht. Wenn man den alten Begriff der Handlungsfähigkeit soziologisch irgendwie retten möchte, so Stichweh, müsse man ihn zunächst umbauen. Dazu schlug er vor, Handlung von Effektivität zu trennen. Schauen wir also nicht länger auf die beabsichtigte Wirkung einer Handlung, sondern darauf, wie Handlungschancen zugeschrieben werden. Nicht wer handelt, lautet die Frage, sondern was. Und in einem zweiten Schritt wäre zu fragen, wie Individuen in diese neuen Kandidaten für Handlungsfähigkeit inkludiert werden könnten.

          Den interessantesten Fall eines solchen Kandidaten fand Stichweh bereits damals im Netzwerk. Strukturen von Netzwerken seien in vieler Hinsicht Strukturen der Ermöglichung von Handlungsfähigkeit der Individuen, aus denen ein Netzwerk besteht. Aber die Prominenz der sozialen Form Netzwerk im System der Weltgesellschaft hänge von Voraussetzungen ab. Man müsse sich zunächst einmal aus Kollektiven älterer Art lösen können, etwa aus familiären Beziehungen, um in Netzwerken selbständig Verbindungen knüpfen zu können.

          Das Netz heiße ja nicht umsonst so: Seine Knoten sind eher lose, aber sie verkoppeln viele Individuen. Das aber begünstige deren Individualisierung, weil es auch einen Verzicht auf zentrale Kontrolle bedeute. Dennoch versorgt einen das Netzwerk mit Identität, mit Gemeinsamkeiten und Konformitäten. Man verbindet sich, ohne dazu gezwungen zu werden. Der einzige Zwang, den das Netz vielleicht ausübt, wäre die Erwartung, so viel von seiner Individualität sichtbar zu machen, dass man das Verknüpfungsinteresse anderer aktiviert.

          Ein Maximum an Vernetzungsmöglichkeiten schaffen

          Zugestanden – aber die Frage war die nach dem Verhältnis von Individuum und Weltgesellschaft. Irgendwie vernetzt ist ja heute jeder, aber welchen Effekt hat das auf seine Handlungschancen in der Globalisierung? Hier baute Stichweh eine normative Figur ein: Man müsse eine „globale Kategorie“ werden, um in der Weltgesellschaft aufzufallen.

          Was ist eine solche globale Kategorie? Eine Firma, eine Organisation, ja selbst ein Individuum kann eine globale Kategorie werden, wenn entsprechende globale Beobachtungsmöglichkeiten genutzt werden. Man muss hier jedoch zwischen Fremd- und Selbstbeobachtung unterscheiden. Eine ambitionierte Universität etwa kann sich das Ziel setzen, weltweite Beachtung zu finden. Dazu muss sie die Instrumente finden, sich im globalisierten Wettbewerb der Wissensproduktion vergleichbar und attraktiv zu machen. Manchmal sind es auch Weltereignisse, die einen bisher nur regional relevanten Akteur – Ansbach etwa – ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit zerren. Und selbst eine einzelne Person wie Edward Snowden kann globale Handlungsmöglichkeit erreichen.

          Was aber hat der Normalbürger einer westlichen Demokratie von dieser Theorie? Man könnte einen kategorischen Imperativ aus ihr ableiten: Individualisiere dich so, dass deine Individualität ein Maximum an Vernetzungsmöglichkeiten schafft. Schließe dich also keinem Netz an, das die Summe seiner Verknüpfungsknoten (Individuen) durch autoritär durchgesetzte Ausschlusskategorien minimiert. Und wer auf globale Handlungsmöglichkeiten nicht verzichten möchte, sollte sich mit einem Netzwerk verbinden, das einen globalen Rang entweder selbst beansprucht oder zumindest auf eine entsprechende Inanspruchnahme von außen vorbereitet ist. Eine bessere Vorbereitung auf die erwartbare Steigerung der globalen Verdichtung ist zumindest soziologisch nicht in Sicht.

          Rudolf Stichweh: Individuum und Weltgesellschaft; Handlungsmöglichkeiten für Individuen in einem globalen Gesellschaftssystem, in: Effi Böhlke, Etienne François (Hg.), Montesquieu. Franzose - Europäer - Weltbürger. Akademie Verlag, Berlin 2005, S. 117-127.

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